Nord-Süd Gefälle

Ich möchte ein wenig unter anderem davon berichten, wie es einem ergehen kann, wenn man das „Nord-Süd-Gefälle“ überwindet und, wie ich, als gebürtige Schwarzwälderin beschließt, fortan im Norden der Republik leben zu wollen. So habe ich es vor 14 Jahren getan und bin mutig vom Schwarzwald in den Norden nach Niedersachsen gezogen. Nun hatte ich das Glück, dass mich die Sprachbarriere nicht so hart traf wie vielleicht manch anderen, der diesen Schritt gewagt hat. Unsere Mutter erzog uns drei Kinder in einem sehr guten Hochdeutsch, was uns wiederum in der Schule bei unseren „Badisch schwätzenden“ Mitschülern die Bezeichnung Ausländer einbrachte. Ganz gleich, ob vom Norden in den Süden oder umgekehrt: Die Sprachkluft stellte mich vor manche Herausforderung.

Das fing schon damit an, dass man mich beim Schlachter, den wir im Badischen Metzger nennen, nur fragend ansah, wenn ich meine Bestellung aufgab. Witziger Weise gab es hier nicht nur die Badisch/Hochdeutsche Sprachbarriere, sondern auch den Umstand, dass es viele Dinge, die ich aus der Heimat kannte, hier einfach nicht gab. Dazu kam noch, dass ich mir in über 18 Jahre Ehe einige Begriffe meiner ehemaligen Schwiegermutter angeeignet hatte, welche aus Böhmen stammte. So erinnere ich mich daran, dass ich beim Fleischer stand und „Karbenadeln“ wollte. So nannte meine Ex-Schwiegermama die einfachen Frikadellen. Und ich stand beim Schlachter und wollte eben diese dort käuflich erwerben. Leider fiel mir das Wort Frikadelle nicht ein und als ich Karbenadeln orderte, erntete ich nur Stirnrunzeln und fragende Blicke. Dass die Bedienung hinter der Theke sich nicht noch bekreuzigte war eins!

Zurück jedoch zu den Anfängen. Ich war eigentlich guter Dinge, als ich meine Siebensachen packte und das Abenteuer Leben in Norddeutschland in Angriff nahm. Gerüstet mit einem guten Schatz an sprachlicher Fähigkeit sollte es mir doch gelingen, hier auf dem flachen Land glücklich zu werden. Diese Ecke Deutschlands hatte ich während einiger Urlaube kennen und lieben gelernt und so trieb es mich voller Vorfreude in die Lüneburger Heide. Hier angekommen aber stellte ich bald fest, dass nicht nur mein Dialekt ein Hindernis darstellte. Es war mir fast unmöglich, mich zu orientieren. Vierzig Jahre Leben zwischen Bergen hatten mich geprägt. Hier oben gab es nicht mal ein Hügelchen, an dem ich halbwegs eine Richtung festmachen konnte, in die ich mich zu bewegen hatte.

In der Heimat war das einfach, sich so zu orientieren. Mein damaliger, norddeutscher Lebensgefährte machte sich jedoch einen Spaß daraus, mit mir irgendwo hin zu fahren und mir dann die Aufgabe zu Teil werden zu lassen, uns nach Hause zu bringen. Er schritt meist dann erst ein, wenn ich Gefahr lief, in Timbuktu oder Tukmenistan statt zu Hause zu landen. Sowas baut natürlich nicht gerade auf. Ebenso konnte er sich beömmeln, wenn ich, wie oben schon erwähnt, beim Schlachter fast verzweifelt versuchte, meine Wünsche darzulegen. So sehr ich mich auch mühte, man merkte mir die „Nicht-Norddeutsche“ Abstammung einfach an.

Hier fällt mir mein jüngst verstorbener Herr Papa ein. Er, seines Zeichens Ur-Schwarzwälder, machte sich meist nur bei den ersten zwei Sätzen die Mühe, hochdeutsch reden zu wollen. Spätestens bei Satz Nummer drei fiel er wieder so erbarmungslos ins Badische, dass man ihn an der Küste nur den „Franzosen“ nannte. Es konnte ihn einfach keiner verstehen! Genauso ging es meinem Mann. Wenn wir mit meinen Eltern zusammentrafen, erntete ich Mal um Mal einen hilfesuchenden Blick mit der unterschwelligen Bitte, das Gesagte für ihn ins Deutsche zu übersetzen. Manchmal, so schien es mir, machte Papa sich auch einen Spaß daraus, so gnadenlos zu Schwarzwäldern, dass selbst ich Mühe mit der Übersetzung hatte. Da flogen mir die badischen Begriffe wie Kanonenkugeln um die Ohren und ich kapitulierte schließlich.

Nach mehr als zehn Jahren Hoch- und Plattdeutsch sind meine Ohren dem Singsang des badischen Dialektes einfach entwöhnt. Zu Anfang gelang es mir noch, wenigstens auf Badisch herzhaft zu fluchen. Nicht einmal das bekomme ich jetzt noch hin. Wie bereits erwähnt, stellte mich meine Herkunft manchmal vor die witzigsten Herausforderungen. Aber nicht nur die, was ich in ein paar Anekdoten auf meiner Homepage festhalten und zum Besten geben möchte, in der Hoffnung, Ihnen, lieber Leser, hier und da ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.


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