Kurzgeschichte von Moira Ashly

Noch ehe ich meine Gedanken weiterverfolgen konnte, verschwand er zwischen den Regalen mit Brettern und Leisten. Ich machte mich auf den Heimweg und schimpfte innerlich mit mir selbst. Was zum Henker bildete ich mir nur ein? Glaubte ich ernsthaft, dass dieser fremde Mann mir meinen bescheuerten Schrank anbringen wollte? Was, wenn er statt mit der Bohrmaschine mit einem langen Messer auftauchen würde! Wie naiv war ich eigentlich? Schließlich kam ich zur Überzeugung, dass er sich sicher nicht blicken lassen würde. Wer bot schon jemandem so leichtfertig seine Hilfe an? Ich brauchte außerdem einfach nur die Tür nicht zu öffnen, sollte er doch wider allen Erwartungen bei mir auftauchen!

Während mir all das im Kopf herum spukte, kam ich zu Hause an und stolperte als Erstes über meinen Badezimmerschrank, den ich unachtsam im Flur hatte stehen lassen. Ich ließ ihn einfach stehen und machte mir erst mal eine Tasse Kaffee. Noch immer hatte ich das Bild des Fremden vor meinem geistigen Auge und erwischte mich mehrmals dabei, ziemlich dümmlich zu lächeln, als es wieder auftauchte. Ja, er war wirklich mehr als gutaussehend. Oh, sicher war er verheiratet, hatte Kinder und einen Hund. Einen Hund? Wie kam ich denn jetzt auf diese blöde Idee! Nein, ich brauchte mir keine Sorgen zu machen. Ich war mir ganz sicher, dass er bestimmt nicht hier auftauchen würde! Ganz, ganz sicher!

Ein Motorengeräusch riss mich aus meinen Gedanken. Irgendjemand war auf den Hof gefahren, und als ich zum Küchenfenster hinausspähte, sah ich einen silbergrauen Pick-up, der in meiner Hofeinfahrt stand. Die Fahrertür öffnete sich und als Erstes sah ich den dunkelbraunen Wuschelkopf, der mir in dem Baumarkt auch gleich aufgefallen war. Er kam tatsächlich! Er hielt sein Versprechen! Mein Herz machte einen Satz und noch im Vorbeigehen am Flurspiegel überprüfte ich meine Erscheinung.

»Wie dämlich bist du eigentlich!«, schalt ich mir selbst. »Was glaubst du bloß! Er will nix von dir!«

Trotzdem zitterte meine Hand leicht, als ich die Tür öffnete.

»Da sind Sie ja!«, empfing ich den Mann. Was Blöderes wollte mir einfach nicht einfallen.

»Ich hatte es doch versprochen«, kam die Antwort. Und wieder lächelte er und ich stellte fest, dass seine Stimme mir eine leichte Gänsehaut verursachte. Sie klang warm und tief.

»Ja, das hatten Sie«, bestätigte ich und fügte gleich noch an: »Aber ich hab nicht daran geglaubt, dass Sie es auch wahr machen!«

Dumme Pute! Ich biss mir auf die Zunge doch der blöde Satz war schon heraus.

»Vielleicht sollten Sie sich darin üben, anderen Menschen mehr zu vertrauen«, lachte er amüsiert. Gott sei Dank nahm er mir meinen blöden Spruch nicht übel.

»Da steht das gute Stück«, lenkte ich ab und wies mit der Hand auf den Badezimmerschrank, der immer noch höchst sperrig im Flur herumstand.

»Aha«, machte der Fremde und sah sich das Möbel genauer an.

»Sie hatten recht, dazu brauchen wir Haken«, stellte er schließlich fest. »Ich denke, solche hab ich sogar noch zu Hause. Wo genau soll er denn hin?«

»Hä?«, machte ich blöde.

»Der Schrank«, lachte der Fremde.

»Ach so. Ja, ins Bad!«

Ich ging voraus und zeigte auf die Wand an der ich den Schrank gerne hängen hätte.

»Leitungen sind da hoffentlich keine dahinter«, kommentierte der Fremde.

»Ich hoffe nicht«, gab ich zu verstehen.

»Das kann ich prüfen. Ist kein Thema.«

Er sah mich wieder an und fuhr fort:

»Ich bin übrigens Robert.«

»Antonia«, sagte ich und ergriff die mir dargebotene Hand.

»Gut, Antonia. Also, ich fahr nach Hause und besorge Werkzeug und die Haken, wie wir brauchen. In etwa einer Stunde kann ich wieder hier sein und dann bringe ich dir den Schrank an. Ist das in Ordnung für dich?«

In Ordnung? Natürlich war das in Ordnung! Mein Herz machte einen Hüpfer, als er meinen Namen sagte und ich glaubte ihm, dass es auch so eintreffen würde, wie er es plante. Ich nahm ihm auch das „Du“ überhaupt nicht übel, im Gegenteil!

»Ja prima. Ich koch uns dann auch einen Kaffee«, sprudelte es aus mir heraus.

»Was ich mir auf keinen Fall entgehen lassen will!«, lachte Robert, als er zur Tür ging.

Wenig später entfernte sich das Auto und ich hatte Herzklopfen wie ein Teenager.

»Gott, was stellst du dich an, altes Mädchen!«, zeterte ich mit mir selbst. »Bild dir bloß nix ein. Nimm es als Geschenk, dass dieser wildfremde Mensch dir hilft und gut ist!«

Die Stunde Wartezeit wollte nicht vergehen, also machte ich mich im Garten zu schaffen. Ich war gerade dabei, eine kleine Hecke zu stutzen und dachte immer noch über diese besondere Begebenheit nach, als ich mich erneut dumm und einfältig schalt. Robert würde sicher nicht wieder kommen. Warum sollte er auch? Nur, um mir den Schrank an die Wand zu dübeln? Niemals! Wenn ich jetzt noch jung und schnittig gewesen wäre, vielleicht dann, ja. Aber so?

»Bild dir nichts ein! Wenn er doch wieder kommt, freu dich und basta«, redete ich mir ein. Ich war so in meine Arbeit vertieft, dass ich das Auto nicht hörte, das in den Hof fuhr. Erst als ich Robert rufen hörte, wurde mir bewusst, dass er tatsächlich sein Versprechen einzuhalten gedachte.

»Ich bin hier im Garten!«, rief ich zurück, da ich gerade nicht so schnell meine angefangene Arbeit liegen lassen konnte. Robert erschien in der Gartentür, strahlend wie der junge Morgen.

»Hier steckst du also!«, hörte ich ihn sagen und seine Augen glitten über meine Beete und die Rasenfläche.

»Ich weiß, auch hier gibt es noch eine Menge zu tun«, entschuldigte ich die Unordnung und den Wildwuchs, der überall zu sehen war.

»Sieht doch ganz gut aus«, kommentierte Robert meinen Satz.

»Naja, mit viel gutem Willen wohl schon. Ich komm einfach nicht hinterher.«

»Arbeitest du nicht gerne im Garten?«, fragte er.

»Doch, schon, ja. Leider hab ich zu wenig Zeit dazu. Und für einiges fehlt mir auch die Kraft.«

»Ach ja? Was zum Beispiel?«

»Der Baum da hinten müsste gestutzt werden. Dann wollte ich noch einige Hortensien pflanzen. Dazu müsste ich aber das Beet da vorne umgraben und die alten Wurzelstöcke aus dem Boden nehmen. Und so weiter.«

Robert schwieg zunächst, ehe er sagte: »Ich habe die Haken und Dübel dabei. Wir können das Projekt Badezimmerschrank also in Angriff nehmen, wenn du magst.«

Und wie ich wollte! Ich ließ Heckenschere und Eimer einfach stehen und ging mit ihm ins Haus. Mit sehr viel Sorgfalt und Mühe brachte er mir den Schrank an. Als das Teil endlich an der Wand hing, war ich kurz versucht, Robert zu umarmen, so sehr freute ich mich.

»So, der hängt«, kommentierte Robert sein Werk und fing an, sein Werkzeug zusammenzupacken. Ich beobachtete ihn dabei und es tat mir fast leid, dass er nun wieder gehen würde. Wie gern hätte ich ihn wiedergesehen oder noch etwas länger um mich gehabt. Seine Art war so angenehm und sein Aussehen trieb mir jedes Mal die Röte ins Gesicht, wenn ich ihn heimlich betrachten wollte und sich unsere Blicke doch kreuzten.

»Jetzt bekomme ich den mir versprochenen Kaffee«, hörte ich Robert in meine Gedanken hinein feststellen.

»Sicher!«, beeilte ich mich, zu antworten. »Versprochen ist versprochen!«

Während er also sein Werkzeug im Auto verstaute, brühte ich uns einen Kaffee auf. Wir genossen diesen schweigend im Garten. Ich wollte nicht, dass Robert wieder einfach so aus meinem Leben verschwinden würde. Ich fühlte mich in seiner Nähe sehr wohl, und dass er mir mit dem Badezimmerschrank geholfen hatte, obwohl er mich überhaupt nicht kannte, schmeichelte mir unendlich.

Die Sonne wärmte uns und ich sah verstohlen zu Robert, der seinen Blick auf meinen Apfelbaum gerichtet hielt.

»Einen Penny für seine Gedanken«, dachte ich. Er wirkte in sich gekehrt. Seine unbeschreiblich schönen Augen funkelten im Sonnenlicht und mir wurde siedend heiß, als er mich plötzlich ansah.

»Der Baum«, fing er an, »was wolltest du an dem Baum verändern?«

»Verändern nichts«, antwortete ich, nachdem ich durch Räuspern meine Stimme wieder im Griff hatte. »Er hat einige tote Äste, die man vielleicht mal entfernen sollte.«

»Das sollte man wirklich.«

»Eben. Aber ich hab ein Problem mit der Höhe. Wenn ich auf die Leiter soll, kann ich nichts anderes mehr tun, als mich festzuhalten«, lachte ich.

»Du bist nicht schwindelfrei?«

»Überhaupt nicht!«

»Nicht gerade von Vorteil«, lachte nun auch Robert.

»Stell es dir bitte nicht bildlich vor!«, konterte ich.

»Tu ich nicht. Aber ich könnte das doch für dich erledigen.«

»Was meinst du?« Unsere Blicke trafen sich.

»Die alten Äste heraus sägen. Natürlich nur, wenn du magst.«

»Das kann ich nicht verlangen!«

»Tust du doch auch nicht. Ich habe es dir freiwillig angeboten!«

»Ja, schon. Aber -«

»Ich habe im Moment einiges an freier Zeit und kann das wirklich gern tun. Allerdings müsstest du bis morgen damit warten. Ich würde so gegen vierzehn Uhr hier sein können und hätte dann auch die Geräte dabei, die ich brauchen würde. Natürlich nur, wenn du zustimmst.«

»Das wäre fantastisch!«, gab ich ehrlich zu. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Ich hatte angenommen, dass ich Robert nach der Aktion mit dem Schrank wieder aus den Augen verlieren würde. Und nun bot er mir sogar an, mir mit dem alten Apfelbaum zu helfen.

»Abgemacht?«, fragte Robert in meine Gedanken hinein und hielt mir die Hand hin.

»Abgemacht!«, bestätigte ich und schlug ein. »Aber nur, wenn es wirklich in Ordnung ist für dich und es dir keine Umstände macht.«

»Tut es nicht. Ich hätte es nicht angeboten, wenn ich das nicht wollen würde.«

»Das finde ich wirklich sehr nett von dir.«

»Ist für mich kein Problem. Wie gesagt: Ich hab im Moment wenig zu tun und kann das gut einschieben.«

»Was machst du denn eigentlich, wenn du nicht alten, hilfsbedürftigen Frauen unter die Arme greifst?«, platzte die Frage aus mir heraus.

»Nicht viel anderes als das, was ich hier tu. Ich bin Landschaftsgärtner«, kam die Antwort, und während Robert das sagte, sah er in seine Kaffeetasse.

»Landschaftsgärtner?«, wiederholte ich.

»Hm! Hey, aber nicht, dass du jetzt denkst, ich würde etwas für meine Hilfe verlangen«, protestierte Robert, noch ehe ich meinen Verdacht hatte in Worte kleiden können. »Ich helfe dir wirklich gern, und wenn du mir was Gutes tun willst, dann mach mir bitte einen Kaffee, wenn ich morgen vorbeikomme.«

»Damit kann ich dienen«, lachte ich und schämte mich ein wenig für meine Gedanken, die ich gerade noch gehegt hatte. Ich hatte wirklich geglaubt, dass er mir seine Dienste berechnen würde. Warum sonst bot er mir seine Hilfe an? An mir selbst konnte es wohl nicht liegen. Oder vielleicht doch? Unmöglich! Ich konnte auf ihn sicher nicht halb so anziehend wirken, wie er auf mich. Er war schlicht und ergreifend ein Traum und brauchte sicher nur mit den Fingern schnippen, um reihenweise die Damenwelt in Ohnmacht fallen zu lassen. Ich beschloss einfach, sein Hilfsangebot anzunehmen. Zudem baute mich der Gedanke, ihn Morgen wieder zu treffen, enorm auf.

»Was hast du denn mit der Hecke vor?«, fragte Robert in meine Gedanken hinein. Richtig. Ich war dabei gewesen, diese ein wenig zurechtzustutzen, als er vorhin angekommen war. Also sagte ich dies zu Robert.

»Mit einer manuellen Schere?«, fragte er leicht amüsiert.

»Ich hab keine elektrische Heckenschere«, gestand ich. »Sicher wäre es damit viel einfacher.«

»Allerdings. Lass das mal sein, ich bringe morgen eine Heckenschere mit. Das sollte in fünf Minuten erledigt sein.«

Jetzt musste ich lachen.

»Je länger wir hier draußen sitzen, umso mehr entdeckst du«, meinte ich.

»Ach woher«, grinste Robert. »Warum solltest du dich mit der Schere abmühen, wenn ich morgen eh vorbeikomme und das erledigen kann?«

»Du bist ein Schatz!«, rutschte es mir heraus und sofort wurde mein Gesicht glühend heiß. Der Umstand, dass er mich jetzt ansah, ließ mir noch mehr Blut in die Wangen steigen.

»Ich weiß!«, lächelte er.

»Dann ist ja gut«, versuchte ich meinen Fauxpas zu überspielen. Robert trank seinen Kaffee aus und erhob sich.

»So, ich würde gern noch ein wenig hier sitzen und plaudern, aber die Pflicht ruft«, sagte er, während er mir die Kaffeetasse reichte. »Morgen habe ich mehr Zeit. Halte dir nur den Nachmittag frei!«

»Au weh. Das klingt nach Arbeit!«, konterte ich.

»Wenn ich schon mal hier bin, kann ich auch einiges erledigen. Und morgen habe ich keinen Kurs, also Open End.«

»Kurs?«, fragte ich neugierig geworden.

»Erzähl ich dir morgen. Ich muss wirklich los.« Robert reichte mir die Hand und wenig später hörte ich ihn wegfahren.

»Tja!«, sagte ich zu mir selbst und räumte auf, ehe ich mich vor den Fernseher setzte. Leider konnte ich mich überhaupt nicht auf den Film konzentrieren. Immer wieder drängte sich Robert in mein Gedächtnis und wie sonderbar diese Begegnung angefangen hatte. Und immer wieder stellte ich mir die Frage, was ihn wohl dazu bewogen haben mochte, mir seine Hilfe anzubieten. Als er mir sagte, was er beruflich machte, drängte sich mir wirklich kurz der Verdacht auf, dass er mir für seine Hilfeleistung eine Rechnung stellen wollte. Aber er hatte es ja verneint. Was also war es, was ihn dazu bewog? Was in drei Teufels Namen? An mir konnte es nicht liegen. Ich hielt mich für zu bieder und auch zu alt, um sein Interesse geweckt zu haben. Außerdem konnte er mit Sicherheit alle Frauen haben, die er nur wollte. Abermals sah ich ihn vor meinem geistigen Auge und musste erneut feststellen, wie gut er aussah. Sein Lächeln war sowas von umwerfend und dann noch diese Bernsteinaugen! Er hatte etwas Wildes an sich, was sicher auch daran lag, dass er sein lockiges Haar nicht kurz, sondern schulterlang trug. Seine Figur war muskulös und er war einen Kopf größer als ich. Während ich dies dachte, ertappte ich mich wieder dabei, zu lächeln. Was bildete ich mir bloß ein? Oh, er wusste sicher ganz genau, welche Wirkung er auf das andere Geschlecht ausübte! Ich machte da bestimmt keine Ausnahme.

Als ich zu Bett ging war ich mir sicher, dass er morgen nicht erscheinen würde. Fast traurig über diese Annahme löschte ich das Licht.

Mit dem nächsten Morgen kamen auch all die Erinnerungen an den vorangegangenen Nachmittag zurück. Ich ertappte mich dabei, etwas mehr als sonst auf meine Kleidung zu achten und eine wunderbar gute Laune an den Tag zu legen. Woran das bloß lag? Schließlich fiel mir wieder ein, dass ich für mich eigentlich sicher war, dass Robert nicht auftauchen würde. Warum sollte er auch? Schlagartig änderte sich meine Laune und ich verrichtete missmutig meine Hausarbeit. Wenn er nicht erscheinen würde, so beschloss ich, würde ich mich jeden Tag im Baumarkt herumtreiben. Offensichtlich war dieser Markt auch sein Einkaufsziel und ich musste ihm dort sicher früher oder später wieder über den Weg laufen, sollte er heute nicht bei mir aufschlagen. Diesen Gedanken nachhängend fing ich nun doch wieder an, meine kleine Buchsbaumhecke mit der Schere zu bearbeiten. Ich hörte es nicht einmal, dass ein Auto in den Hof gefahren kam. Erst als jemand am Gartentor nach mir rief, wurde mir gewahr, dass ich Besuch hatte.

»Robert?«, fragte ich verwundert, obwohl ich ihn recht deutlich sehen konnte.

»Ich hatte doch gesagt, dass ich heut vorbeikomme«, lächelte er mich fast entschuldigend an. Mir war, als hätte ich ganz vergessen, wie fantastisch er aussah. Genau, als ich dies dachte, schoss mir die Hitze wieder in den Kopf.

»Und ich dachte, ich fang schon mal an, damit du nicht so viel Arbeit hast. Du hast sicher Besseres zu tun«, konterte ich und hätte mir gleich darauf am liebsten auf die Zunge gebissen.

»Das ehrt dich, aber ich habe mir den Nachmittag für dich freigehalten«, kam es zurück. Sofort wurde mir bewusst, was ich da wirklich vom Stapel gelassen hatte und ich schämte mich ein wenig dafür.

»Dann geh ich mal gleich den Kaffee für dich machen«, versuchte ich abzulenken.

»Das wäre wirklich rasend nett von dir. Ich bin heute schon seit 5 Uhr unterwegs. Einen Kaffee könnte ich jetzt wirklich gut gebrauchen.«

»So früh schon?« Ich verstaute meine Heckenschere und die Gartenhandschuhe in einem Eimer und ging zu Robert hinüber. Heute sah er noch umwerfender aus als gestern. Er trug eine Weste über einem schwarzen Kapuzensweatshirt, dunkle Jeans und grobe Schuhe. Sicher war er den ganzen Morgen und den Vormittag über im Freien zu Gange gewesen und hatte sich deshalb so warm eingepackt. Trotz oder vielleicht auch gerade wegen der Arbeitskleidung sah er heute so verwegen aus, dass ich kaum die Augen von ihm lösen konnte. Er folgte mir zu seinem Auto, und während ich in der Küche einen großen Becher Kaffee für ihn aufbrühte, lud er die Maschinen und Geräte ab, die er auf der Ladefläche seines Pick-ups mitgebracht hatte.

Mit dem Kaffee in der Hand ging ich ihm wieder entgegen.

»Schwarz?«, fragte ich und versuchte, so fröhlich wie nur möglich zu lächeln.

»Genau. Schwarz«, sagte er und nahm die Tasse dankend entgegen. Wir gingen auf die Terrasse, wo er in Ruhe seinen Kaffee trinken konnte. Auf seinen Knien lagen Arbeitshandschuhe, und als ich all die Geräte sah, die er abgeladen hatte, musste ich lachen:

»Das sieht so aus, als wolltest du den ganzen Garten umgestalten!«

»Das ganze Grundstück nicht«, meinte er zwischen zwei Schlucken. »Nur den Apfelbaum und die Hecke. Aber damit bist du ja schon fast fertig.«

»Ich dachte wirklich, ich könnte das auch allein hinbekommen«, entschuldigte ich mich.

»Es ist ja auch gut geworden. Aber den Rest mache ich mit der Maschine. Das geht schnell und ist nachher auch ganz gerade.«

Ich schwieg. Warum hatte ich seinen Worten nur so wenig vertraut? Warum war ich so felsenfest der Meinung gewesen, er würde sein Wort nicht halten? Innerlich tat ich Abbitte für mein Verhalten.

»Da sind außerdem noch zwei oder drei Sträucher, die ich gern zurückstutzen würde. Vorausgesetzt, du hast nichts dagegen«, hörte ich Robert sagen und er deutete mit dem Kin auf drei Kirschlorbeeren, die inzwischen schon den Eingang zu meinem Geräteschuppen zu wucherten.

»Und wohin dann mit den ganzen Ästen?«, fragte ich.

»Das nehme ich mit, wenn ich nach Hause fahre. Ich fahre an der Kompostieranlage vorbei und gebe das gleich ab.«

»So ist dein Plan?«

»So ist mein Plan«, kam die Antwort und er reichte mir lächelnd die leere Kaffeetasse zurück. Daraufhin zog er die Handschuhe über und ging mit der großen Heckenschere ans Werk. In null Komma nichts war meine Hecke sauber zurückgestutzt. Genauso schnell ging es mit den Kirschlorbeeren. Wir verstauten die abgeschnittenen Äste auf der Ladefläche von Roberts Auto. Danach kam der Apfelbaum an die Reihe. Ich war wirklich mehr als froh und dankbar, dass Robert die alten, abgestorbenen Äste endlich aus dem Baum herausschnitt. Dass er das Schnittgut auch gleich entsorgen wollte, kam mir sehr entgegen, da ich weder über genügend Platz für die Zwischenlagerung noch über einen Komposter verfügte.

Gegen 18 Uhr war es endlich geschafft. Robert hatte einiges erledigt und ich stand voller Stolz auf der Terrasse und bestaunte meinen kleinen Garten, als Robert die Leiter auf dem Auto verstaute, mit der er seit mehr als einer Stunde im Apfelbaum herumgeturnt war.

»Gott sei Dank bist du schwindelfrei«, sagte ich, als er sich zu mir gesellte.

»Das muss ich sein«, bemerkte Robert. »Das war ja noch nicht einmal hoch. Oft arbeite ich in der doppelten Höhe, wenn nicht sogar mehr!«

»Puh!«, machte ich, um dann voller Inbrunst festzustellen: »Aber man sieht schon, dass hier ordentlich was geschafft wurde.«

»Und ich hab noch so viele Ideen«, seufzte Robert und lächelte mich an. Dieses Lächeln ließ mein Herz wieder einige Takte aussetzen.

»Darf ich noch einen Kaffee erbetteln?«, fragte er dann.

»Ja sicher! Ich könnte auch noch einen gebrauchen. Mach’s dir gemütlich. Ich bin gleich wieder da!«, versprach ich und sauste in die Küche. Der Gedanke, dass Robert noch ein wenig bleiben wollte, beflügelte mich geradezu. Während die Kaffeemaschine lief, überprüfte ich im Spiegel mein Aussehen und war zufrieden. Das Haar war durch den Wind zerzaust doch ich fand es gut so.

»Bitte«, sagte ich wenig später, als ich Robert seine Tasse reichte.

»Super danke! Ich bin ein Kaffee-Junkie musst du wissen«, lächelte er mich dankbar an.

»Du sagtest, du hättest noch Ideen? Darf ich die wissen oder sind die geheim?«, wagte ich es, nachzufragen.

»Die sind nicht geheim. Ich habe nur überlegt, – ich habe zu Hause aus meinem Garten ein paar Ableger, die sich hier echt hübsch machen würden. Hier vorne an der Terrasse könnte ich dir noch drei Kirschlorbeeren pflanzen. Magst du Hyazinthen?«

»Ja, doch. Warum fragst du?«

»Davon hätte ich auch einige, die ich vor der Terrasse pflanzen könnte. Sind im nächsten Jahr bestimmt ein schöner Anblick. Dann hätte ich noch ein oder zwei Rhododendron. Aber nur, wenn du magst.«

»Himmel, natürlich würde ich mögen aber es kommt darauf an, was es kostet.«

Robert atmete hörbar aus und sah mich strafend an.

»Warum denkst du immer, dass ich dir dafür eine Rechnung aufmachen will?«

»Weil es dein Beruf ist?«, antwortete ich verdattert.

»Was ich hier tu, tu ich vollkommen freiwillig. Es ist umsonst, solange du mich mit Kaffee versorgst!« Robert lächelte lausbubenhaft.

»Kaffee kannst du haben, soviel du magst«, grinste ich glücklich zurück. Ich war froh, das Thema nicht noch einmal anschneiden zu müssen. Er tat was er tat völlig freiwillig, und wenn es ihm ausreichte, dafür hin und wieder einen Kaffee zu bekommen, so sollte er den auch haben. Trotzdem quälte mich noch eine Frage:

»Warum tust du das?«

»Bitte?«, fragte er zurück und sah mich verwundert an.

»Warum du mir so hilfst? Wir kennen uns doch gar nicht, und du opferst deine Freizeit, statt mit deiner Familie zusammen zu sein. Warum?«

»Oh, das waren zwei Fragen in einem Satz!« Nun lachte er herzlich. »Raffiniert!«

»Also, warum?«, fragte ich noch mal nach.

»Gut, – also: Weil ich es gerne tue. Weil ich diesen kleinen Garten mag und dir helfen will, ihn so richtig schön herauszuputzen, damit du Freude daran hast. Und was meine Familie angeht, kann ich dich beruhigen. Da wartet niemand auf mich.«

»Niemand?«

»Niemand.«

Das mochte ich nun so gar nicht glauben. Da sollte wirklich niemand auf ihn warten? Keine Frau? Keine Freundin?

»Ich lebe allein und bin niemandem Rechenschaft schuldig«, fuhr er fort. »Du könntest das alles hier unmöglich alleine schaffen. Ich habe Zeit und Lust dazu, also helfe ich dir. Sicher, wir kennen uns erst seit gestern. Aber ist es nicht auch angebracht, hin und wieder etwas Verrücktes zu tun? Außerdem lernen wir uns ja jetzt kennen.«

»Das stimmt«, bestätigte ich. Obwohl mir immer noch Fragen nach dem „Warum“ auf der Zunge brannten, hielt ich diese zurück. Er hatte mir gesagt, dass er es gerne tat und das sollte mir doch genügen. Allerdings war ich auch ein wenig ernüchtert. Ich hatte angenommen, dass ein Grund für seine Hilfe in meiner Person lag. Dem war offenbar nicht so. Bei dem Gedanken daran spürte ich einen Stich im Herzen. Was hatte ich mir nur eingebildet? Glaubte ich ernsthaft, dass er ein Interesse an mir hegte? Wie naiv war ich bloß?

»Wie war dein Kurs gestern noch?«, versuchte ich abzulenken.

»Oh, ganz gut«, kam die Antwort.

»Was lernst du denn in diesem Kurs?«

»Ich lerne nicht, ich lehre«, kam es zurück.

»Du gibst diesen Kurs?«, bohrte ich erstaunt weiter.

»Ja«, war die knappe Antwort.

»Aha«, machte ich, nicht wissend, ob ich noch weiter fragen sollte. Doch Robert erklärte:

»Es geht dabei um das, was ich eben hier auch gemacht habe. Baumtriebe stutzen, Büsche ausschneiden, Landschaftspflege.«

»Das unterrichtest du?«, fragte ich baff.

»Unterrichten ist das falsche Wort. Ich erkläre es. Ob die Leute es annehmen, bleibt ihnen selbst überlassen. Aber ich denke schon, dass jeder aus dem Kurs einiges für sich mit nach Hause nehmen kann.«

»Wow!«, machte ich. »Wär wohl auch was für mich, damit es hier nicht wieder so verwildert, wenn deine helfende Hand nicht mehr eingreift.«

»Du kannst ja mal reinschnuppern.«

»Wär eine Überlegung wert«, grinste ich. »Immerhin schaffst du ja nun einen Grund in diesen Wildwuchs. Und wenn ich dann nicht dran bleibe, sieht es bald wieder so aus.«

»Das wollen wir doch nicht hoffen!« Robert lachte. »Obwohl, so schlimm war es nun auch nicht. Es muss nicht immer alles schnurgerade und kultiviert sein. Ich finde gerade die Vielfalt in deinem Garten ansprechend.«

»Danke!«

»Ich meine das ehrlich.«

»Habe ich auch so aufgefasst.«

Wir schwiegen einen Moment, ehe Robert sich erhob und meinte:

»So, dann werde ich mich auf den Weg machen und zu Hause die versprochenen Ableger ausbuddeln. Morgen um dieselbe Zeit?«

»In Ordnung«, freute ich mich. Er reichte mir die Kaffeetasse und begab sich zu seinem Auto. Als er wegfuhr, winkte er kurz und mein dummes Herz machte wieder einen Hüpfer.

Am nächsten Tag versuchte ich, die Zeit bis zum Mittag irgendwie totzuschlagen. Es gelang mir nur mäßig. In meinem Kopf kreisten die Gedanken und ich musste mich mehrfach zur Raison rufen. Inzwischen freute ich mich schon so unbändig auf Robert, dass mir eigentlich kein Zweifel blieb: Ich war über beide Ohren verliebt! Kein vernünftiger Gedanke war mehr möglich. Alle Aufrufe zur Disziplin und Vernunft verhallten ungehört. Es war zu spät für den Verstand! Viel zu spät. Ich wollte nicht wahrhaben, dass sich all meine Gefühle und Gedanken vielleicht auf einem Irrtum gründeten. Ich ließ es nicht zu, zu glauben, dass Robert wirklich nur rein freundschaftlich dachte und mir zur Hand ging. Da musste einfach mehr sein! Und ich wollte dieses Mehr so gerne auskosten.

Diese Einsicht beflügelte mich und ich genoss das. Robert hatte gesagt, dass niemand auf ihn warten würde. Selbst den kurz aufflammenden Gedanken, er könnte doch auch überhaupt nicht an Frauen interessiert sein, schob ich beiseite. Ich war verliebt wie schon Ewigkeiten nicht mehr und verlor mich in Träumereien. Immer und immer wieder stellte ich mir Roberts Augen und sein Lächeln vor und lies es zu, dass mein Herz schneller schlug. Ihm musste etwas an mir liegen. Warum sonst bot er mir nun schon den dritten Tag seine Hilfe an?

Immer wieder schweiften die Gedanken ab und die Zeit verging nur sehr träge und zäh. Ich wartete heute regelrecht auf das Motorengeräusch von Roberts Wagen, wenn er in die Hofeinfahrt fahren würde. Wenn ich es bislang überhört und kaum mitbekommen hatte, so sehnte ich es heute regelrecht herbei. Meine Gedanken ließen sich nur schlecht beisammen halten, und als ich endlich Roberts Auto hörte, zitterten meine Hände. Zu guter Letzt formte sich in meinem Kopf die Frage: „Was, wenn er nicht genauso fühlt? Wenn du dich irrst? Wenn da doch jemand ist, der zu ihm gehört?“, doch ich schob sie vehement beiseite. Ich beschloss, die Dinge laufen zu lassen. Ich wollte es wirklich drauf ankommen lassen, ob Robert nun doch etwas für mich empfand oder nicht. Und ich war mir fast sicher, dass dem so war. An eine mögliche Enttäuschung wollte ich nicht denken.

Robert hatte wieder Wort gehalten. Auf der Ladefläche seines Autos fanden sich etliche Pflanzen, von denen ich nur einige kannte. Er fing sofort damit an, die Kistchen und Blumentöpfe abzuladen. Ich ging hinaus und begrüßte ihn nicht ohne Herzklopfen. Er sah heute wieder umwerfend aus!

»Das ist ja eine ganze Menge, was du da mitgebracht hast«, stellte ich fest, um meine Aufregung zu überspielen. Robert unterbrach seine Arbeit nicht und trug die Pflanzen hinter das Haus auf die Terrasse.

»So viel ist das gar nicht. Du wirst schon sehen«, sagte er dabei über die Schulter zu mir. War ihm denn nicht aufgefallen, dass ich mir heute mit meinem Aussehen besonders Mühe gegeben hatte? Scheinbar nicht. Er trug die Pflanzgefäße unbeirrt weiter hinter das Haus, ohne auch nur einmal aufzusehen.

Etwas wie Enttäuschung machte sich in mir breit und zum ersten Mal akzeptierte ich auch den Gedanken, dass es ja auch sein könnte, dass er nicht so für mich empfand wie ich für ihn. Das schmerzte! Beinahe traurig wandte ich mich ab um uns in der Küche einen Kaffee zu brühen, ehe Robert sich daran machen konnte, die Pflanzen einzugraben. Er trug gerade den letzten Blumentopf hinter das Haus und sagte:

»Das wird mal ein Oleander. Allerdings sollte der noch ein wenig im Topf bleiben. Er ist noch zu klein, um ihn jetzt schon auszusetzen.«

Ich betrachtete die etwa 15 cm große Pflanze, die oben an der Spitze ein einziges Blatt hatte. Noch sah das mehr aus wie ein an einem Stängel befestigter Wimpel als nach einer so schönen Pflanze.

»Kaum vorstellbar. Ich liebe Oleander«, kommentierte ich das, was ich sah. »Oleander und Jasmin«, ergänzte ich noch.

»Einen Jasmin habe ich auch dabei. Irgendwo – da hinten!« Robert deutete auf einen der Töpfe. »Dann habe ich ja voll ins Schwarze getroffen.«

… zur Fortsetzung „Teil 3“