Eine kleine Liebesgeschichte

Ich kniete mehr oder weniger hilflos vor dem langen Regal mit Dübeln und Schrauben im Baumarkt. Wie zum Henker sollte ich aus der Angebotspalette die Schrauben herausfinden, die ich für mein Vorhaben brauchte und vor allem: Wie sollte ich die in die Wand bekommen? Mir fehlte nicht nur eine Bohrmaschine, sondern auch die nötige Kraft! Fast schon ergeben stand ich auf und starrte auf die unterschiedlichen Dübel in meiner Hand. Mehr zu mir selbst seufzte ich:

»Ich glaube, ich geb auf! Das bekomme ich niemals hin!«

Mutlos legte ich die Dübel zurück, als plötzlich hinter mir jemand sagte:

»Haben Sie denn niemanden, der das für Sie machen kann?«

Ich drehte mich erschrocken um, wähnte ich mich doch die ganze Zeit über in diesem langen, schmalen Gang zwischen den Regalen alleine. Mein Blick verfing sich mit den betörendsten braunen Augen, die ich jemals gesehen hatte. Sofort stieg mir heiße Röte in das Gesicht, während ich verstohlen den Mann musterte, der mir gegenüberstand. Groß war er, schlank, hatte dunkles, schulterlanges Haar und ein Lächeln, das mir beinahe die Beine wegzog! Mein Gesicht brannte noch heißer, als ich mich endlich abwenden konnte und mit fast erstickter Stimme auf seine Frage antwortete:

»Nein, das muss ich schon irgendwie selbst hinkriegen!«

»Und was genau?«, kam die Gegenfrage.

»Ein blöder Schrank im Badezimmer«, antwortete ich und war bedacht darauf, diesen Mann nicht ansehen zu müssen. Vorhin im Pflanzenbereich war er mir schon aufgefallen. Nun stand er vor mir und machte mich unsicher, wirkte auf mich wie von einem anderen Stern. Genau so hatte ich mir schon in jungen Jahren meinen „Traummann“ vorgestellt. Jetzt stand er da und ich dachte kurz daran, dass er einige Jahre zu spät auftauchte.

Mühsam schluckte ich den Frosch, der sich in meinem Hals breitmachte, herunter. Was bildete ich mir denn ein? Es war sicher nur reine Höflichkeit, dass er mich nach meinem Vorhaben fragte. Ich musste wohl ein ziemlich verzweifeltes Bild zwischen diesen ganzen Schrauben und Dübeln abgegeben haben.

»Sie müssen in die Fliesen bohren?«, fragte er unbeirrt weiter und ich nickte.

»So sieht es aus. Darum denke ich, ich lass es besser!«

»Hm«, machte er und fuhr dann fort: »Ich könnte Ihnen helfen. Allerdings müsste ich mir den Schrank erst einmal ansehen, um zu wissen, was ich genau an Schrauben brauche.«

Jetzt schlug es dreizehn! ER wollte mir helfen? Dieser fremde Mann? Mein Blick huschte wieder in sein Gesicht und ich sah ihn lächeln.

»Ich würde Ihnen wirklich gern helfen«, bekräftigte er seine gerade gemachte Aussage. »Ein Klacks für mich. Nur sollte ich mir den Schrank vorher ansehen dürfen!«

»Äh, ja«, stammelte ich herum, während sich in meinem Kopf die Gedanken überstürzten. Sollte ich auf dieses Angebot eingehen? Was bezweckte er damit? War es wirklich nur ein reines Hilfsangebot? Was steckte dahinter?

»Also?«, fragte er und mir wurde klar, dass über meine Grübelei einige Minuten verstrichen waren, die ich in diese zauberhaften Bernsteinaugen gestarrt hatte. Wieder wurde mir heiß, doch die Aussicht, endlich diesen Badezimmerschrank an die Wand geschraubt zu bekommen, wischte alle Zweifel und Ängste weg. Was würde der Fremde wohl sonst von mir wollen, außer mir zu helfen? Ich entsprach mit Sicherheit nicht seinem Beuteschema und zudem war er unter Garantie schon vergeben – oder nicht? Ganz bestimmt war es reine Hilfsbereitschaft, die ihn dieses Angebot aussprechen ließ. Und mit noch größerer Sicherheit, so glaubte ich, würde er dieses Angebot nicht ausführen. Ich hatte schon oft erlebt, dass mir Hilfe angeboten und mir diese, wenn es dann darauf ankam, einfach nicht zuteilwurde. Er machte da sicher keine Ausnahme! Oder vielleicht doch?

»Das ist so ein Holzschrank«, brabbelte ich los. »Ich glaube, dazu braucht man diese Haken. Aber ich hab keine Ahnung, wie groß die sein müssen. Und selbst wenn ich das wüsste, fehlt mir das Werkzeug, um die Dinger in die Wand zu bekommen.«

»Ich muss es mir wirklich erst ansehen«, sagte er wieder und lächelte weiter zum Steine erweichen.

»Aber ich kann doch nicht von Ihnen verlangen, dass Sie mir diesen blöden Schrank an die Wand dübeln? Ich kenne Sie doch gar nicht!«, platzte es aus mir heraus und im selben Moment hätte ich mich gern für diese dumme Aussage geohrfeigt.

»Das ist richtig. Sie müssen mir halt vertrauen«, kam es lapidar zurück. »Ich will Ihnen einfach nur helfen, mehr nicht.«

Jetzt musterte ich ihn unverhohlen. So, wie er vor mir stand, musste ich doch wirklich nicht befürchten, dass er mir Übles wollte. Er schien in etwa in meinem Alter zu sein, sah einfach umwerfend aus, lächelte mich freundlich an und sagte:

»Ich muss nur noch tanken fahren. Geben Sie mir Ihre Adresse und ich schlage in der nächsten halben Stunde bei Ihnen auf. Dann sehe ich mir den Schrank an und wir entscheiden weiter. Ist das in Ordnung für Sie?«

Mechanisch nickte ich mit dem Kopf und zauberte aus meiner Jackentasche ein Stück Papier und einen Stift hervor. Auf das Papier kritzelte ich meine Adresse und reichte es ihm.

»Schön, dann bis in etwa einer halben Stunde«, sagte er und wandte sich ab. Im selben Moment wollte ich es doch tatsächlich bereuen, ihm so leichtfertig meine Adresse gegeben zu haben. Was, wenn er doch Übles im Schilde führte? Schließlich sah man nur an die Menschen hin aber nicht hinein! Was, wenn??

… zur Fortsetzung „Teil 2“