Prolog

Ghoromari von Moira Ashly

»Hier bist du!«, hörte ich Arjo rufen, als er hinter dem kleinen Pavillon hervortrat. Mit wenigen Schritten war er bei mir und zog mich in seine Arme. »Ich dachte mir, dass ich dich hier finde«, sagte er leise.
»Ich musste einfach auf den Serth«, erklärte ich ihm. »Alles, was die letzten Tage, Wochen und Monate passiert ist, wollte ich dem alten Stein erzählen.«
Arjo lächelte und ich versank wieder für Minuten in seinen magischen Augen.
»Dem alten Stein«, wiederholte er meine Worte nach einer gefühlten Ewigkeit. »Es klingt wunderbar, wenn du das so sagst.«
Ich nahm Arjos Hand und ging mit ihm zurück zu dem kleinen Pavillon. Dort angekommen setzten wir uns auf eine der Steinbänke und schwiegen. Ich wusste, dass Arjo nicht reden würde, bevor er sich nicht sicher war, dass ich meine Gedanken geordnet und abgeschlossen hatte. Dankbar dafür lehnte ich mich an seine Schulter und schloss die Augen. Allein Arjos Anwesenheit ließ mich noch friedvoller werden. Als ich vor Stunden hier oben angekommen war, platzte mein Kopf beinahe, so voll war ich mit Erlebnissen, Eindrücken und Gefühlen. Nur hier oben konnte es mir gelingen, das alles zu ordnen und abzuschließen.
Ich öffnete meine Augen und blickte zu den fernen Bergen jenseits des Serth, die sich mir in einem hellblauen Dunst offenbarten und hinter denen langsam die Sonne versank. Die Vorlande zwischen ihnen und dem Serth waren von hier nur zu erahnen. Sehen konnte man diese fruchtbaren Täler nur, wenn man dicht an den Abgrund heranging. Dort war Arjos Lieblingsplatz, der aus einem abgebrochenen Baumstamm bestand. Dort hielt er sich auf, wenn er nachzudenken hatte. Ich selbst fühlte mich in diesem Moment aber in dem Pavillon wohler, diesem kleinen, kreisrunden Steinbau, der mitten auf der flachen Kuppe des Serth errichtet worden war.
Arjo drückte mich ein wenig mehr an sich, aber er schwieg weiter.
»Ich denke an meinen Vater«, fing ich an zu sprechen. »Das hier war das Letzte, was seine Augen gesehen haben. Hier fühle ich mich ihm ganz besonders nahe.«
»Hier sind viele der alten Seelen, die noch nicht wiedergeboren wurden«, antwortete Arjo leise. »Was du da vorhin gesagt hast, macht mich unendlich glücklich, weißt du das? Du fühlst also genau wie ich, wie heilig diese Stätte hier ist.«
»Das ist sie.«
»Lässt du mich an deinen Gedanken teilhaben?« Er sah mich liebevoll an, nachdem er das gesagt hatte.
»Du kennst sie, Arjo«, antwortete ich ehrlich. »Es war einfach so ein Durcheinander in meinem Kopf. Ich hatte das Gefühl, noch nicht alles an seinen Platz gebracht zu haben und wusste, dass es mir nur hier oben gelingen würde.«
»Hast du erreicht, was du wolltest?«
»Ja, ja das habe ich.« Ich blickte abermals zu den Bergen hinüber und sagte: »Ich hatte viele Zuhörer und Ratgeber. Es war genau richtig, hier heraufzukommen. Dass du jetzt ebenfalls da bist, macht es noch angenehmer.«
Statt einer Antwort küsste Arjo mich auf die Stirn. Nach einer Weile sagte er:
»Wie ähnlich wir uns doch sind! Genau das fühle ich auch, wenn ich mit all meinen Fragen hier herkomme: Zuhörer und Ratgeber.«
»Das heißt jetzt aber nicht, dass ich auf deine Ratschläge nichts geben würde, Arjo«, lächelte ich. »Du warst nur leider nicht greifbar.«
»Ratssitzung«, seufzte er nur erklärend.
»Ich weiß. Also habe ich mich auf den Weg hier hoch gemacht. Ich wusste, dass du nachkommen würdest.«
»Wie lange bist du schon hier oben?«
Ich dachte nach. Ich war kurz vor Mittag aufgebrochen. Inzwischen ging jenseits der Ereth-Jar, den Bergen gegenüber des Serth, die Sonne bereits langsam unter. Demnach musste es später Nachmittag sein.
»Ich fürchte, ich habe den halben Tag hier oben zugebracht«, meinte ich.
»Das habe ich mitunter auch schon fertiggebracht. Wenn du so lange hier oben warst, hattest du viel zu berichten«, sagte Arjo lächelnd und ich nickte:
»Wie gesagt, alles, vom ersten Tag an.«
»Und das ist wahrlich eine Menge.«
Als Arjo das festgestellt hatte, hörten wir von Ferne die helle Glocke Ghoromaris. Es wurde Zeit, sich langsam an den Abstieg zu machen. Bevor wir das aber taten, ließ ich in meinem Kopf noch einmal Revue passieren, was ich den alten Seelen berichtet hatte. Ich wollte nichts vergessen haben und schloss mit einem Dank ab, den ich an all die Götter, Seelen und Menschen richtete, die mir dies, was ich erlebt und zu berichten hatte, ermöglichten und uns beschützten. Dann stand ich auf und sagte zufrieden:
»Wir sollten gehen, damit der alte Stein auch zur Ruhe kommen kann.«
Arjo erhob sich ebenfalls, und während wir zu dem Fußweg gingen, der den Serth hinaufführte, meinte er:
»Das ist eine gute Entscheidung. Ich habe außerdem fürchterlichen Hunger, du nicht?«
Erst jetzt fiel mir ein, dass ich seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte und mir doch schon äußerst flau im Magen war. Aber ich bereute keine Stunde, die ich hier auf dem Serth zugebracht hatte. Ich konnte mein Herz erleichtern und verspürte nun, nachdem ich alles losgeworden war, eine tiefe, innere Ruhe.
Wir sahen die Lichter Ghoromaris schon von Weitem und ich war unendlich dankbar, dass ich diesen faszinierenden Anblick an der Seite Arjos genießen durfte, denn noch vor wenigen Monaten hatte ich nicht einmal geahnt, dass es diesen Ort überhaupt gab.