Auszug aus Kapitel 18

Ghoromari von Moira Ashly

Jorge stand hilflos in der Tür, schluckte trocken und wankte bedenklich. Auch er schien dieses Energiefeld zu spüren und es sah so aus, als mache es ihm mehr zu schaffen als mir oder Adrian. Arjo drehte sich jetzt zu ihm um und ging einen Schritt auf ihn zu. Jorge breitete die Arme aus und sperrte sie in den Türrahmen, als könne er sich so davor schützen, durch einen heftigen Luftzug aus der Tür gerissen zu werden.
»Auch ein Gast hat sich gefälligst zu benehmen! Deine ständigen Gemütsschwankungen machen es jedoch unerträglich, dich weiter zu beherbergen und sie machen es unmöglich, dir helfen zu wollen.« Arjo sprach nun ruhiger, aber mit Nachdruck. »Was auch immer man dir an Argumenten vorbringt, du verstehst nur das, was du verstehen willst! Du begreifst nicht, dass wir dir helfen wollen. Du begreifst es in deiner ganzen Sturheit und Rachsucht nicht! Sag mir, was willst du tun, wenn du überlebst und alle, die du für schuldig am Tod deiner Frau hältst, ermordet hast? Glaubst du, das hört dann auf? Gegen wen richtet sich danach dein Zorn?«
Jorge atmete heftig, antwortete aber nicht.
»Ich sage es dir: Er wird sich gegen mich richten. Aber genau dann verlierst du! Du könntest Freunde gewinnen und trittst alles mit Füßen, was man dir reicht.«
»Wieso sollte ich dir was antun wollen?«, giftete Jorge.
»Ganz einfach: weil ich habe, was du nicht mehr hast. Dein Neid wird dich auffressen. Stück für Stück! Ich möchte mir nicht die Vorwürfe machen müssen, dass ich dir geholfen habe, nur damit du dann an mir oder Adrian oder sogar Majihari Rache nehmen kannst!«
Jorge atmete heftig ein und aus. Man sah an seinen Händen die Knöchel durch die Haut schimmern, so sehr krallte er sich am Türstock fest.
»Gegen dich kann ich nichts ausrichten«, fauchte er, »das weißt du ganz genau! Gegen dich bin ich machtlos, weil ich nur meine körperliche Kraft einsetzen könnte, und selbst das würde nichts nutzen!«
»Du hörst wieder nicht zu! Ich spreche nicht von mir, denn ich kann mich wehren.« Arjo beugte sich jetzt etwas vor und sagte mit in die Hüften gestemmten Händen gefährlich ruhig: »Ich spreche von Adrian, dem du mehr als nur dein wertloses Dasein zu verdanken hast, und schließlich spreche ich von dem Menschen, den ich mehr als mein eigenes Leben liebe. Du hast es in deinen Händen, was sein wird! Besinne dich jetzt oder meine Geduld hat ein Ende!«
Jorge hielt sich immer noch am Türrahmen fest, schluckte und blickte von mir zu Adrian und dann wieder zu Arjo.
»Wenn das bei dir angekommen ist, dann lass uns vernünftig reden und sei endlich du selbst! Du bist nicht der Mensch, der du vorgibst zu sein! Du bist voller Angst. Auch vor deinem großartigen Racheplan hast du Angst. Du hast in Wirklichkeit wahnsinnige Angst vor dem Sterben! Und genau dieser Zwiespalt ist es, der dich hin und her reißt. Begreife endlich, dass wir helfen wollen, und höre auf, dich selbst zu bemitleiden! Das – nervt!«
Fast hätte ich bei dem letzten Wort, das Arjo gesagt hatte, laut losgelacht. Ich spürte, dass er diesen Ausdruck nur benutzte, weil ihm tatsächlich so langsam die Puste ausging. Er musste dieses beeindruckende Kraftfeld aufrechterhalten, musste heftig argumentieren, seine Gesten genau kalkulieren und einsetzen und ebenso hatte ich das Gefühl, als stünde er schützend vor mir und nicht mitten im Raum.
Ich war mir absolut sicher, dass er jedes laute Wort, jedes Fauchen und jedes Schreien genau geplant hatte, aber ich hatte keine Ahnung, was er damit erreichen wollte. Erst langsam erschloss sich mir, warum er dieses Theater aufführte. Jorge ließ seine Arme sinken und den Kopf hängen. Er sah Arjo fast hilflos an, wankte ein wenig aber er blieb stehen. Genau wie Arjo, der sich immer noch nicht rührte. Nur die Spannung wich so langsam aus der Luft. Ich wusste jedoch, dass diese sofort wieder da wäre, wenn Jorge jetzt nicht so reagieren würde, wie Arjo es hatte erreichen wollen. Und er hatte ihn offensichtlich erreicht. Was auch immer es in seinen ganzen Worten war, Arjo hatte Jorge wohl endlich erreicht!
»Du hast recht«, kam es aus Jorges Mund. Er wirkte, als habe er eine weitere Schlacht ausgetragen, war schweißgebadet und zerschlagen. Arjo hatte Jorge mit Worten kampfunfähig gemacht, und nicht nur ihn. Auch Adrian wirkte, als habe man ihm eine Ohrfeige verpasst.
»Du hast recht«, wiederholte Jorge, trat nun in die Küche und ließ sich auf einen Stuhl sinken. »Ich habe eine scheiß Angst vor dem, was ich geschworen habe! Und ich weiß nicht, wie ich das bewerkstelligen soll. Was man bei einem Toten geschworen hat, ist heilig! Ich kann doch meinen Schwur nicht brechen?«
»Wer sagt denn, dass du ihn brechen sollst?« Erneut beugte sich Arjo gestützt auf Rücklehne des Stuhles und Tischplatte über Jorge und ich fühlte, dass wir noch nicht am Ende angelangt waren. Er war immer noch in höchstem Maße wachsam und angespannt, auch wenn man es dem Klang seiner Stimme nun nicht mehr unbedingt anmerkte.
»Das, was ich bei Emilias Leichnam geschworen habe«, – fing Jorge matt an.
»Das war ein heiliger Schwur für dich, das weiß ich sehr wohl und ich habe es begriffen. Aber was hast du genau geschworen? Ich will die Worte hören!«
»Ich sagte, dass keiner von denen, die ihr das angetan haben, jemals zur Ruhe kommen wird.« Jorge flüsterte nur noch.
Arjo richtete sich blitzartig auf und klatschte in die Hände. Ich erschrak, Jorge duckte sich auf die Seite und Adrian ließ den Löffel fallen, den er die ganze Zeit über in den Händen gehalten hatte.
»Sie werden nicht zur Ruhe kommen! Du wirst jedes deiner Worte einhalten! Du wirst den Schwur nicht brechen! Kapier es endlich!« Arjo tatschte mit der flachen Hand leicht auf Jorges Hinterkopf. Wieder eine Geste, die ich so an ihm noch nie gesehen hatte und von der ich wusste, dass sie zum Plan gehörte, den er verfolgte. Er hätte das niemals getan, wenn er nicht etwas damit bezwecken wollte. Arjo argumentierte nun mit Gesten und Worten heftig weiter:
»Sie werden sich nie mehr sicher sein, ob du nicht plötzlich vor ihnen stehst! Sie werden nicht mehr schlafen, nicht in Ruhe einen schönen Tag genießen können, denn der Anblick deiner toten Frau wird sie immer verfolgen! Deine Rache hat genau da angefangen, wo du dich ihnen entzogen hast und bei uns unterkommen konntest! Sie wissen nicht, wo du bist, aber sie wissen, dass du bist!« …