Stonefield Manor Bibliothek

Boomer war von seinem Platz neben dem Kamin aufgestanden und stand knurrend neben Brian. Man konnte deutlich erkennen, dass sich sein Fell sträubte und er die Zähne fletschte. Es wurde schlagartig merklich kalt im Raum.

»Da ist niemand«, brachte Colin hervor und sah Sam entgeistert an.

»Ich sehe ihn ganz deutlich«, stammelte sie und konnte den Blick von dieser Gestalt nicht abwenden. James-Oliver McKenzie stand direkt hinter Brians Sessel und grinste sie hochnäsig an, so, als wolle er sagen: »Dir glaubt sowieso niemand!«

Brian drehte sich nur langsam um und wandte sich dann wieder Samanta zu.

»Wirklich, da ist niemand«, sagte er mitleidig lächelnd, als wolle er Sam geistige Verwirrung bescheinigen.

»Spürt ihr denn nicht, wie kalt es auf einmal geworden ist?« Das war Sams letzter Versuch zu beweisen, dass sich in diesem Raum etwas Ungeheuerliches abspielte.

»Das ist ein sehr altes Haus, Sam«, gab Brian zu verstehen. »Hier zieht es durch alle möglichen und unmöglichen Fugen und Ritzen.«

»Und Boomer?«

»Hat wohl eine Maus entdeckt«, konterte Brian.

»Warum könnt ihr ihn nicht sehen?«

»Weil da niemand ist!«

Sam schloss die Augen und als sie diese wieder öffnete, war die Gestalt verschwunden. Es herrschte eine peinliche Stille im Raum. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit stand Brian auf, um die Flasche von dem kleinen Bartresen zu holen und allen nachzuschenken. Als er bei Sam ankam, sagte er:

»Du bist ein Stadtmensch. Die Einsamkeit hier kann Leuten wie dir ganz schön zu schaffen machen.«

»Ich bin überhaupt nicht einsam«, entgegnete ihm Sam. »Entweder ist Colin da, oder Gorden. Ich kann mit der Abgeschiedenheit hier außerdem sehr gut umgehen!«

»Ist ja schon gut«, versuchte Colin, sie zu beschwichtigen. Sam merkte, dass ihr Ton etwas zu scharf gewesen war. Sie senkte betroffen den Blick. Dann sagte sie sich aber, dass sie nichts falsch gemacht hatte und fixierte Brian, der sich wieder hinsetzte.

»Woher sollte ich diesen James-Oliver denn kennen? Ich habe ihn nie zuvor gesehen! Ich meine, vorher, bevor ich herkam, geschweige denn etwas von ihm gelesen oder gehört!«

Brian schwieg zunächst. Dann sagte er:

»Das stimmt. Es ist in der Tat eigenartig!«

»Also!«, triumphierte Samanta und lehnte sich zurück.

»Trotzdem kann ich nicht an Geister glauben. Ich meine, ich hätte ihm ja wohl schon mehrfach begegnen müssen, sollte dieser Geist, oder was auch immer, sich hier aufhalten, nicht wahr?«

»Vielleicht mag er sich dir gegenüber nicht zeigen?«

»Ich bin doch sein Verwandter!«

»Vielleicht gerade deswegen?«

»Weil ich verwandt mit ihm bin? So ein Blödsinn, nein wirklich!« Brians Lachen klang ein wenig hysterisch.

»Es ist doch egal«, fuhr Colin nun endlich dazwischen, bevor Brian und Sam wirklich aufeinander losgehen konnten. Colin hatte Brian noch nie so angriffslustig erlebt. Eigentlich war der Landlord von Stonefield die Ruhe selbst.

»Mag ja sein, dass Sam ihn wirklich gesehen hat. Dann ist es so! Es ist nicht an uns, das anzuzweifeln.«

»Wenn das die Runde macht«, sagte Brian nun sehr ruhig, »wenn das in den Städten erzählt wird, was denkst du, ist dann in Kürze hier los?«

»Es könnte dem Ort nicht schaden, wenn ein paar Touristen mehr hierher kämen«, zickte Sam sofort wieder los.

»Solange ich lebe, werde ich das verhindern!« Brian stand nun auf. Sein Ton wurde befehlend, als er weitersprach: »In der Tongrube liegt der Leichnam meines Sohnes begraben! Ich will nicht, dass irgendjemand auch nur einen Spatenstich dort ausführt. Ihr wollt die Töpferei aufleben lassen? Gut! Ich befürworte das, aber nicht mit dem Ton aus meinem Stollen!« Brian beugte sich nun zu Sam und fuhr noch eindringlicher fort:

»Und wenn ich erfahren sollte, dass jemand in diesem Raum auch nur ein Wort über diese ominöse Geistererscheinung außerhalb von Stonefield fallen lassen wird, werde ich mich zu wehren wissen!«

»So kenne ich dich ja gar nicht!«, stellte Colin fest und erhob sich ebenfalls.

»Colin, das mag sein! Du weißt, dass mir alles genommen wurde, als Nick ums Leben kam. Ich hatte nichts mehr! Nichts, außer diesem Flecken Land. Es ist meine selbst gewählte Einsamkeit, die ich hier lebe. Ich will es so. Und ich will nicht, dass sich daran was ändert!«

»Was sehr schade ist«, entgegnete Sam aufmüpfig. »Ich hielt dich für zugänglicher. Man! Ich will doch nur Arbeitsplätze schaffen, damit die Leute hier wieder eine Perspektive haben!«

»Das kannst du tun, wirklich! Ich habe nichts dagegen!«

»Es wäre aber nicht dasselbe Steinzeug wie früher, als noch mit dem Ton aus deiner Mine gearbeitet wurde!«, versuchte Sam nun erneut, einen Einwand anzubringen.

»Das wird niemand merken!« Brian stellte das Glas, das er noch in den Händen gehalten hatte, heftig auf dem Tisch ab und brummte: »Ich habe nichts mehr dazu zu sagen!« Damit war wohl für ihn die Audienz beendet. Sam stand nun ebenfalls auf und sagte:

»Gut, Brian McKenzie. Ich habe es verstanden, obwohl ich es nicht begreifen werde, dass man nicht einmal den Ton, der sich oberflächlich befindet, abbauen darf. Nun, egal. Ich werde es akzeptieren. Auf eine gute Nachbarschaft!«

Sam zerrte ihren Mantel vom Bügel, auf den Brian ihn zum Trocknen aufgehängt hatte, und stapfte, ohne sich um Colin zu kümmern, zur Haustür. Als sie diese öffnete, riss eine starke Windbö ihr die Tür aus der Hand und schlug sie heftig gegen eine Blumensäule, die zur Dekoration daneben stand. Zum Glück fiel der Blumentopf darauf nicht herunter, obwohl er bedenklich wackelte. Sam hörte noch Colin nach ihr rufen, doch sie hielt keine Sekunde inne, um auf ihn zu warten. Es brodelte in ihr! Wütend eilte sie den Hang hinunter zur Töpferei. Es war ihr egal, ob Colin ihr folgen würde oder nicht. Es war ihr auch egal, dass das Regenwasser unter dem Mantel bereits ihren Rücken hinunterlief. Es interessierte sie nicht.

Sie war so sauer, dass ihr der Schlüssel, mit dem sie die Tür ihres Hauses aufschließen wollte, mehr als einmal aus den Händen glitt und vor ihr im Matsch landete. Tränen vermischten sich mit den Regentropfen in ihrem Gesicht und sie fluchte fürchterlich. Erneut glitt ihr der Schlüsselbund aus den Händen und sie trommelte mit den Fäusten gegen die schwere Tür, als ob diese Schuld daran war, dass Sam ihre Wut nicht in den Griff bekam. Sie verstand einfach nicht, warum Colin und Brian diese Erscheinung nicht hatten sehen können. Selbst Brians Hund hatte bemerkt, dass etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Und sie begriff nicht, wie Brian es immer noch ablehnen konnte, dass die Tongrube wieder ihre Arbeit aufnehmen und somit den Menschen hier eine echte …

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