Geist hinter Turmzinnen

»Das ganze Dorf wird über uns lachen«, gackerte Terry. Sie war einerseits froh, dass Sean ihre Ängste endlich ernst nahm. Auf der anderen Seite befürchtete sie aber, dass das Gerede im Dorf über die neuen Bewohner von Bainmond dann noch mehr Nahrung fände.

»Wir können es auch lassen«, meinte Sean und schenkte sich nun doch einen Drink ein.

»Nein, nein«, entgegnete Terry nun etwas ernster. »Nein, schon okay. Es muss ja niemand wissen, was dieser Raven für einer ist und was der hier tut, oder?«

»Nö«, machte Sean.

»Kann ja auch ein Verwandter von uns sein. Er wird ja wohl nicht mit einem Raben auf der Schulter und wallenden Gewändern hier auftauchen, oder?« In Terrys Gedanken war dieser Raven, dieser Schamane, auch von weitem als ein solcher zu erkennen. Er trug eine große Trommel in der Hand, auf der er ständig irgendwie mit einem Tierknochen herumklapperte, hatte graues, wallendes Haar, sprach in einem komischen Akzent zu ihnen und benutzte Worte, die kein Mensch verstand. Sie musste bei diesem Bild, welches sich vor ihrem geistigen Auge aufbaute, heftig lachen. Sean sah sie fragend an.

»Nicht, dass der hier mit Pauken und Trompeten auftaucht, wilde Beschwörungen ausstößt und der ganze Ort in Kürze weiß, wen wir zu Gast haben«, kicherte Terry.

»Denke nicht«, gab Sean zu verstehen. »Pete sagte, er wäre ein ganz stinknormal aussehender Typ. Er schwört auf ihn.«

»Hatte Pete denn auch solche Probleme?« Terry kuschelte sich auf das Sofa.

»Keine Ahnung, woher er den Menschen kennt. Ist ja auch egal jetzt!«, antwortete Sean und setzte sich neben sie. Er schaltete den Fernseher ein.

»Ist ja auch egal jetzt«, wiederholte Terry seinen seit neuestem immer wieder ausgesprochenen Lieblingssatz. Sean sagte den immer wieder, wenn er nicht weiterreden wollte, ein Thema für erschöpfend diskutiert hielt oder einfach nicht weiterwusste. Terry war über die Neuigkeit, dass Sean jemanden in diese Dinge eingeweiht hatte, irgendwie erfreut. Es gab ihr das Gefühl zurück, dass er ihre Nöte verstand, auch wenn dieses Gefühl nur kurz anhielt. Dann fiel ihr wieder die tote Frau ein.

»Meinst du, die Tote hat was mit Bainmond zu tun?«, fragte sie unvermittelt.

»Keine Ahnung«, entgegnete Sean lapidar. Ihn schien es wenig zu berühren, dass da ein toter Mensch gefunden worden war. »Wie bist du denn da hineingekommen, in dieses Dings da?«, hakte er dann doch noch nach.

»Ich war mit Sue doch in dieser Indoor-Kletterhalle. Als ich da unten hockte, in diesem Loch, da fiel mir wieder ein, wo ich die meiste Zeit dort verbracht habe. Da war eine Wand, in der lauter kleine Mulden eingelassen waren. Damals war diese Wand das einzige Hindernis, welches ich überwinden konnte. Ich habe versucht, mit den Händen solche Mulden in die Erde zu graben und so herauszukommen. Hat auf der einen Seite der Grube nicht geklappt. Auf der anderen aber war der Boden fester und da kam ich bis zu dem Schacht, der zu den Grundmauern der Halle führte. Dort reichte diese Röhre durch ein Loch in der Mauer offensichtlich in die Halle hinein. Dachte ich zumindest. Gleich wie! Es war sehr eng und ging nach oben. Ich habe mich durchgezwängt und landete dann statt in der Halle in einem dunklen Raum. Ja, und da war sie.«

Sean hatte schweigend zugehört, starrte aber auf den Bildschirm, anstatt Terry anzusehen.

»Hörst du mir überhaupt zu?«, fragte sie.

»Aber, könnte das eventuell ein Abfluss gewesen sein? Warum ist sie dann da nicht rausgeklettert, so wie du?«, dachte er laut nach.

»Mike meinte, das sei wohl mal ein Brunnen gewesen. Dieses Loch, in dem ich festsaß. Vielleicht ist sie damals deswegen nicht durch diese Röhre gekrochen, weil sich Wasser darin befand?«

»Ja, klar. Bin ja mal gespannt, wie sie die da rausholen wollen. Vielleicht muss die Halle abgerissen werden«, murmelte Sean.

»Quatsch!«, entgegnete Terry, als dann wieder Seans Lieblingssatz zu hören war, ehe er den Ton vom Fernsehgerät lauter stellte:

»Ist ja auch egal jetzt!«

Terry hätte gern noch mit Sean weiter über die tote Frau geredet, doch der schien an einer weiteren Unterhaltung nicht interessiert zu sein. Sie hatte bislang auch nicht gefragt, wie es denn in der Stadt auf den Ämtern so gelaufen wäre, was sie sonst eigentlich immer tat. Nun verspürte sie auch wenig Lust, ihn danach zu fragen. Sie trank ihren Whisky aus, wickelte sich in eine warme Decke und schlief irgendwann auf dem Sofa ein.

Sie hatte nicht mitbekommen, dass Sean den Fernseher ausgeschaltet hatte. Auch nicht, wann er sie allein gelassen hatte. Er war nach oben ins Schlafzimmer gegangen. Terry schreckte hoch, als sie dieses furchtbare Wimmern wieder hörte. Sean hatte vergessen, die Lichter anzulassen!

»Oh nein!«, murmelte Terry schlaftrunken und wankte zur Tür, die zum Büro hinführte. Sie blieb erstarrt stehen. Vor dem Sideboard unter dem Fenster stand eine Frau. Sie trug ein weißes, seidenes Negligé und hatte ihr den Rücken zugewandt. Terrys Puls begann zu rasen. Die Frau starrte auf das Sideboard und genau auf die Stelle, wo bislang immer das Foto gestanden hatte. Das Wimmern kam eindeutig von ihr!

Terry war unfähig, den Lichtschalter zu betätigen. Sie atmete flach und konnte auch nicht schreien und so vielleicht Sean wecken. Sie starrte nur auf die Frau, die sich jetzt in das Treppenhaus begab und die Stufen langsam nach oben schwebte. Terry schluckte, rieb sich die Augen und haderte mit sich, ob sie der Gestalt folgen sollte oder nicht. Dann nahm sie allen Mut zusammen und ging leise und vorsichtig die Stufen nach oben. Vor der Schlafzimmertür hörte sie Sean schnarchen. Sollte sie ihn wecken? Wieder war sie unentschlossen, als sie sah, wie die Gestalt einfach durch die verschlossene Tür zum Dach mit den Burgzinnen hindurchschwebte. Dieses Dach, welches Terry bislang so gut wie nie betreten hatte. Sie mochte es nicht besonders, auch wenn Sean sie des Öfteren nach oben bat, um die Aussicht zu genießen. Was sollte es da schon zu sehen geben? So hoch war dieser Turm nun auch nicht, dass man von dort einen grandiosen Rundblick gehabt hätte, meinte Terry und vermied bislang, so gut es ging, das Dach dieses Turmes zu betreten. Auch, weil die niederen Ausschnitte der Zinnen relativ leicht zu überwinden waren und sie unter Höhenangst litt. Nun aber stand sie im Dunkeln hier vor dieser Tür, die genau dort hinausführte, und grübelte, ob sie es wagen sollte.

Terry öffnete die Tür und stieg die wenigen verbliebenen Stufen zum Dach hinauf. Auf der obersten Stufe blieb sie in Hockstellung sitzen. Schräg vor ihr stand die Frau auf einer der Zinnen. Ihr seidenes Gewand wehte im Wind. Terry bemerkte, dass das ein Trugschluss war. Es ging kein Lüftchen und doch sah es so aus, als stünde die Frau dort in einem ziemlichen Sturm.

Terrys Atem ging schwer. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Sean wecken? Was dann? Bis sie bei Sean angekommen wäre und ihn wach bekommen hätte, wäre der Spuk hier bestimmt vorüber. Das war also keine Option. Sie machte sich so klein wie nur möglich und beschloss, dieses Wesen einfach zu beobachten. Gleichzeitig bewunderte sie sich selbst für den Mut, den sie aufbrachte.

Die Frau breitete die Arme aus, so, als wollte sie fliegen und Terry ahnte …

Ende der Leseprobe

Weitere Leseproben:  PDF · Kindle · ePub