Kerker

Sie saß auf dem Boden. Es roch nach Urin und Erbrochenem. Um nicht erneut zu schreien, steckte sie sich einen Finger in den Mund. Er schmeckte nach Blut. Durch das Kratzen an den Mörtelfugen hatte sie sich ihre Fingerkuppen aufgerissen.

Er hatte sie schon mehrfach hier eingesperrt, um sie zu bestrafen. Doch sonst war es anders gewesen. Da fehlten seinerzeit ganz oben in der Mauer einige Ziegelsteine, durch die Licht und frische Luft in ihr Gefängnis gelangen konnten. Überdies hatte er sie nach kurzer Zeit wieder freigelassen. Diese Lücke oben in der Wand gab es jedoch nicht mehr. Er hatte auch diese zugemauert.

Während er das getan hatte, flehte sie ihn an. Sie verstand nicht, warum er so handelte! Sie war sich keines Fehlers bewusst! Sie konnte mit ihren Händen die Stelle oben in der Mauer nicht erreichen, um ihn an seinem Tun zu hindern. Sie konnte nichts unternehmen, nur schreien und flehen.

Allein schon der Weg zu diesem Kerker war für sie unerträglich. Er trieb sie wie ein Tier vor sich her. Sie musste über ein schmales Brett, das über einer tiefen Grube lag, zu einer Mauer gehen, in der ganz oben eine Öffnung war. Diese war gerade groß genug, damit sie hindurchpasste, und sie erreichte dieses Loch nur mithilfe einer wackligen, unsicher stehenden Leiter. Unter der Öffnung im Inneren des Raumes stand ebenfalls eine schmale Leiter, die er aber jedes Mal, wenn sie sich darin befand, sofort herauszog. Danach verschloss er stets die Öffnung bis auf einen schmalen Spalt.

Sie trug, wie immer, nur ein dünnes Unterkleid und keine Schuhe oder Strümpfe. Sogar den Schmuck nahm er ihr ab. Alles! Armband, Ringe und auch das Amulett ihrer Mutter, welches sie an einer einfachen Kordel um den Hals trug. Das tat er stets, ehe sie diesen Kerker betrat.

Es war stockdunkel in diesem Raum, in dem sie gerade vier Schritte gehen konnte, ehe sie an die gegenüberliegende Wand stieß. Noch nie hatte er so lange auf sich warten lassen, um sie wieder aus ihrer Gefangenschaft zu befreien. Sie wusste nicht, wie lange sie schon auf dem muffigen Stroh saß. Sie hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war, in der sie mit ihren Fingern versucht hatte, den Mörtel aus den Fugen zu kratzen. Langsam dämmerte es ihr, dass sie wohl nie mehr das Tageslicht sehen würde.

Vielleicht war ihm etwas zugestoßen? Niemand wusste, wo sie war! Sie schluchzte auf, würgte und übergab sich. Sie spie nur noch Galle.

Der Durst war quälender als der Hunger. Es gab da eine Art Abflussschacht, in dem stinkendes, abgestandenes Wasser stand. Sie hatte nur einmal versucht, etwas davon zu trinken, würgte dies allerdings sofort wieder hoch. Wie lange konnte ein Mensch ohne Wasser überleben?

Die Luft in dem quadratischen Raum wurde zunehmend schlechter, der Gestank beinahe nicht mehr zu ertragen. Sie weinte. Was hatte sie verbrochen, dass er ihr so etwas antat? Sie war seine große Liebe, so beteuerte er immer wieder. Ja, er war rasend eifersüchtig. Aber sie war ihm stets treu gewesen! Was um Himmels willen ließ ihn so etwas tun?

Malvina kauerte sich in eine Ecke. Sie schlief ein. Ihr Atem wurde flacher. Sie wachte nicht wieder auf.

… zur Leseprobe „Und es spukt doch“