Spuk im Geisterhaus

Julie verließ mit gesenktem Haupt das Gerichtsgebäude. Die Scheidung war nun endgültig und aus den Augenwinkeln konnte sie ihren Ex Arm in Arm mit seiner Neuen die Treppe hinunter gehen sehen. Nein, ihm wollte sie nun wirklich nicht über den Weg laufen. So schlug sie einen Haken und verschwand in einer Seitenstraße des Gerichtsgebäudes, ohne dass Brandon sie gesehen hatte.

Nach ein paar weiteren Schritten lehnte sie sich schwer atmend gegen einen Müllcontainer und würgte. Nun war es also offiziell und endgültig! Spätestens morgen wusste ganz New York Bescheid, dass Brandon Miller wieder zu haben war.

Wie hatte Julie gekämpft, dass genau das, was nun geschehen war, nicht eintreten würde. Sie hatte verloren. Wieder einmal fühlte sie ihre Meinung bestätigt, die sie seit Beginn des Scheidungskrieges verfolgte: Da wo das Geld war, da war auch das Recht.

Nein, sie war nicht ganz mittellos, obwohl Brandon das sicher nur zu gerne so gehabt hätte und ihr aus diesem Grund auch den Unterhalt verweigerte. Julie musste ihr Recht einklagen. Bis hier das Urteil gefällt werden würde, würde es sicher noch einige Zeit dauern. Sie verdiente sich ein wenig Geld mit ihren Büchern, die sich recht gut verkauften. Und doch, das wusste sie ganz genau, würde sich in ihrem Leben jetzt einiges ändern müssen. Sie brauchte unter anderem eine bezahlbare Wohnung, und das ziemlich schnell.

Es fing an zu regnen und Julie blinzelte gegen den Himmel. Die Regentropfen vermischten sich mit ihren Tränen, die sie Brandon immer noch hinterher weinte. Es war nicht ihre Schuld gewesen, dass diese Ehe in die Brüche ging. Sie beide, Julie und Brandon, hatten sich irgendwann verloren und auseinandergelebt. Er arbeitete zu viel. Sicher, er brachte gutes Geld nach Hause und so konnten sich die beiden auch ein angenehm luxuriöses Leben erlauben. Doch als Julie dahinter kam, was Brandon hinter ihrem Rücken sonst noch so trieb, konnte sie nicht schweigen. So kam es, wie es kommen musste: Brandon wollte die ständigen Frauengeschichten nicht lassen und Julie spielte da nicht länger mit. Sie hatte ihm die Pistole auf die Brust gesetzt, nichts ahnend, dass er den Spieß umdrehen und die Scheidung einreichen würde. Nun war es geschehen. Sie war nicht länger die Frau an der Seite des erfolgreichen Finanzmäzens. Sie war jetzt auf sich allein gestellt.

Allein! Julie atmete heftig aus und schluckte die Tränen hinunter. Sie sah sich um und erkannte am Ende der Seitenstraße, in die sie vor Brandon und dem Schwarm Reporter geflohen war, ein kleines Bistro. Fast unscheinbar ganz am Ende der Straße.

»Warum nicht«, dachte sie und steuerte zielstrebig darauf zu. Es regnete inzwischen heftig und Julie beeilte sich, das Bistro zu erreichen, bevor sie völlig durchnässt sein würde.

Das Bistro war sehr klein und wirkte ziemlich veraltet. Es gab, wie Julie durch das eine, etwas größere Fenster sehen konnte, nur fünf kleine, runde Tischchen mit jeweils zwei Stühlen daran und es war fast leer. Lediglich an einem der Tischchen saß ein älterer Herr in eine Zeitung vertieft. Julie spähte noch immer durch das Fenster. Hinten im Raum gab es einen Tresen, hinter dem jetzt ein ebenfalls älterer Herr auftauchte und Tassen in ein Regal räumte.

Ein lautes Donnergrollen trieb Julie nun endgültig in das Bistro hinein. Es goss inzwischen wie aus Eimern und sie war pitschnass geworden.

Unschlüssig und triefend blieb Julie in der Nähe der Tür stehen und sah zu dem Mann hinter dem Tresen hinüber. Dieser eilte dienstbeflissen auf sie zu und half ihr, ganz Gentlemen der alten Schule, aus dem nassen Mantel. Julie hatte nun Zeit, ihn näher zu betrachten. Er mochte schon Mitte 60 sein, trug ein weißes Oberhemd, eine schwarze Weste darüber und um die Hüften eine fast bodenlange, weiße Schürze. Bei seinem Anblick fühlte Julie sich in das neunzehnte Jahrhundert zurückversetzt. Sein Haar war schütter und grau und sehr sorgfältig nach hinten gekämmt. Seine Augen waren eisblau und er hatte alles in allem ein sehr gütiges Gesicht, das Julie nun freundlich anlächelte.

»Ein richtiges Unwetter da draußen«, sagte er und deutete mit einer ausladenden Geste auf die leeren Tische des Bistros.

»Da haben Sie recht«, bestätigte Julie seine Worte und ließ sich zu einem der Tischchen geleiten. Der Mann rückte ihr den Stuhl zurecht und sah sie daraufhin fragend lächelnd an:

»Was darf ich Ihnen Gutes tun, Miss?«

»Ein Kaffee wäre schön«, seufzte Julie.

»Kommt sofort!«

Der Mann begab sich hinter den Tresen, wo schon gleich darauf die Kaffeemaschine fauchte und dampfte. Julie sah sich im Inneren des Bistros um.

»Sonderbar«, dachte sie. »Ich bin schon so oft diese Straßen hier entlang gegangen, aber dieses Bistro ist mir noch nie aufgefallen.«

Ihr Blick glitt über freundlich gestaltete, in hellgelb gestrichene Wände, an denen alte Fotos hingen. Zum Teil waren diese schon recht verblasst und man konnte kaum mehr etwas darauf sehen. Dann huschten ihre Augen über den Mann, der immer noch zeitungslesend und unbeweglich zwei Tische von ihr entfernt saß. Sie konnte kaum etwas von ihm erkennen, da er das Gesicht hinter der aufgeschlagenen Zeitung verborgen hielt und sehr interessiert zu lesen schien.

Nun sah Julie nach draußen. Der Regen prasselte gegen die Scheibe des Fensters, auf dem in einem Bogen die Wörter „Daniels Bistro“ aufgebracht waren. Fast erschrak sie, als der Kellner ihr den gewünschten Kaffee an den Tisch brachte.

Sie bedankte sich und legte ihre eiskalten Hände um die Tasse. Der Mann entfernte sich …

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