In diesem Zimmer spukt es

Sie sah das Mädchen ganz deutlich. Es stand still in der Zimmerecke. Seine Augen blickten traurig und sein süßes Sommerkleid war verschmutzt. Es tropfte. Die Kleine war triefnass. Die blonden Haare klebten ihr auf Stirn und Schultern. Die Strümpfchen waren nach unten gerutscht. Sie sah so erbärmlich blass aus!

Donnie drehte sich nur langsam um und an seiner Reaktion erkannte Julie, dass er sie ebenfalls sehen konnte. Sie bildete sich das nicht ein! Donnie sah das Mädchen genauso wie sie, dessen war sie sich sicher! Sie spürte einen sanften Ruck in seinem Körper, nachdem er das Gesicht in die Richtung gewandt hatte, in der das Kind stand.

»Da ist nichts!«, hörte sie Donnie sagen.

»Was?« Julie war versucht, Donnie kräftig zu schütteln.

Hatte sie richtig gehört? Er leugnete es, das Kind zu sehen? Julie verstand die Welt nicht mehr.

»Du siehst sie, Donnie. Ich weiß es genau!«, zischte Julie.

»Da ist nichts!«, wiederholte er ruhig und sah Julie an. »Rein gar nichts!«

»Warum lügst du?«

»Julie, ich lüge nicht. Ich sehe einfach nichts in der Ecke!«

Julies Blick glitt zurück zu der Stelle, an der eben noch das Kind gestanden hatte. Es war weg.

»Ich habe es ganz deutlich gespürt an deiner Reaktion, dass du sie gesehen hast!«, versuchte Julie erneut, Donnie aus der Reserve zu locken. Dieser schüttelte nur den Kopf und sagte:

»Langsam mache ich mir ernsthaft Sorgen um dich, Julie!«

»Warum gibst du nicht zu, dass du das Kind gesehen hast? Warum nicht?«

»Was soll ich denn zugeben, wenn ich nichts gesehen habe? Julie, du solltest wirklich zu einem Arzt gehen. Du verlierst den Bezug zur Realität!«

Julie stand auf. Sie war wütend. Sie war so wütend wie schon lange nicht mehr. Am liebsten hätte sie Donnie hinausgeworfen! Doch das brachte sie einfach nicht fertig. Vielleicht hatte er wirklich nichts gesehen? Nein, sie wollte nicht, dass Donnie ging. Solange er da war, verspürte Julie wenigstens ein bisschen Sicherheit. Außer der Möglichkeit, Donnie wegzujagen, blieb ihr nur noch eine Alternative. Das war die, abzureisen. Dagegen sträubte sie sich aber mit aller Macht. Sie wollte nicht abreisen! Sie wollte verstehen, was hier vor sich ging! Außerdem war ihr schlagartig klar geworden, dass das alles bereits in New York seinen Anfang genommen hatte. Abzureisen käme einer Flucht gleich, so dachte sie. Sie war sich sicher, dass sie vor dem, was hier passierte, nicht fliehen konnte. Diese Einsicht legte sich wie ein Stahlreif um ihr Herz.

Auf Donnies Hilfe konnte sie offenbar nicht zählen, das war ihr ebenfalls klar geworden. Selbst wenn sie das noch so sehr gehofft hatte. Alles, was sie von ihm erwarten konnte, war ein wenig Sicherheit und Schutz. Mehr nicht. Sie wusste ganz genau, dass er sie angelogen hatte. Er hatte das Kind gesehen. Aber, warum log er?

Julie beschloss im selben Augenblick, in dem sie sich diese Frage gestellt hatte, Donnie nichts weiter zu erzählen, was auch immer sich noch ereignen mochte. Sollte er glauben, alles sei in bester Ordnung. Sie wollte ihn einfach nur nicht verlieren. Sie hielt an ihm fest, als sei er der einzige Mensch hier in Salesburry.

»Schon in Ordnung«, sagte Julie und fasste sich an die Stirn. »Vielleicht habe ich wirklich Halluzinationen.«

»Bestimmt!«, lachte Donnie, um gleich darauf noch einmal nachzufragen, ob Julie nicht doch lieber zu einem Arzt wollte.

»Nein, ist schon gut. Es ist alles gut«, beteuerte sie und hoffte, er würde ihr glauben, was er aber nicht tat.

»Mir wäre wirklich wohler, du ließest dich durchchecken!«, sagte er. »Ich meine, das ist doch nicht normal, dass du Dinge siehst, die nicht da sind.«

»Weißt du was? Wenn ich wieder zu Hause bin, lasse ich das untersuchen, wenn es noch mal auftritt. Vielleicht bin ich auch einfach überspannt. OK?« Julie hatte sich wieder zu Donnie auf das Sofa gesetzt und schmiegte sich nun an ihn. Sollte er glauben, was er mochte! In etwas mehr als zwei Wochen würde Julie wieder nach New York zurückfliegen. Bis dahin würde sie allein das Rätsel gelöst haben, das sich ihrer Meinung nach um dieses Pförtnerhaus und Finnlay rankte. Auch ohne seine Hilfe! Sie wollte dabei einfach nur nicht allein sein und wissen, dass ab und zu jemand nach ihr sah. Dazu müsste ein Mann wie Donnie Murdoch doch vollkommen ausreichen!

»Überspannt«, wiederholte Donnie.

»Ja. Die Scheidung, dann die Reise hier her. Der Zeitunterschied. Wer weiß, was da alles so mitspielen kann.« Julie wirkte überzeugend. Donnie atmete tief ein und lächelte.

»Wenn du mir versprichst, dass du das wirklich tust, dann sage ich nichts mehr dazu!«, meinte er.

»Ich auch nicht«, dachte Julie und lächelte Donnie entwaffnend an: »Versprochen!«

»Und wegen diesem Daniel, da denke ich, dass du wirklich die Straßen verwechselt hast. Ihr Frauen habt doch sowieso eine Rechts-Links-Schwäche.« Donnie feixte. Julie ließ ihn in dem Glauben und ärgerte sich darüber, dass sie sich ihm gegenüber geöffnet hatte. Aber noch mehr ärgerte es sie, dass er nicht zugeben konnte, das Mädchen vorhin gesehen zu haben.

Julie und Donnie verbrachten einen ruhigen Abend und Donnie blieb auf Julies Bitte hin über Nacht. Es war kurz nach ein Uhr nachts, als Julie aufwachte. Das Bett neben ihr war leer. Sie hörte Geräusche von der Veranda her. So, als ginge jemand darüber. Die Holzplanken knarrten bei Belastung immer ein wenig. Sicher war es Donnie, der keinen Schlaf fand. Julie schlüpfte in den Morgenmantel. Es war hell genug, dass sie sich ohne Licht zu machen zurechtfand.

Die Haustür stand einen Spalt offen. Julie hörte wieder Schritte auf der Veranda. Weil das nur Donnie sein konnte, öffnete sie die Tür und stand ihm auch schon gegenüber.

»Hab ich dich geweckt?«, fragte er leicht irritiert.

»Was machst du um diese Uhrzeit hier draußen?«, stellte Julie eine Gegenfrage.

»Ich konnte nicht schlafen«, sagte er. Julie kam es aber so vor, dass da noch mehr war, was er aber nicht aussprach. Im schwachen Licht des Mondes sah er einfach umwerfend aus mit seinen wild zerzausten Haaren. Er hatte sich vollständig angezogen und lehnte nun gegen einen Holzpfosten, der das Dach der Veranda trug.

»Komm doch wieder rein. Wir können ja noch ein wenig reden oder fernsehen«, schlug Julie vor. Es war recht frisch draußen.

»Einen Moment noch«, bat er. »Ich mag die Nächte, wenn alles so ruhig ist.«

Julie setzte sich auf einen der Gartenstühle auf der Veranda und kauerte sich zusammen. Inzwischen war ihr richtig kalt geworden.

»Ich –«, fing Donnie nach einer ganzen Weile an, »ich habe das Mädchen auch gesehen.« Nachdem er das ausgesprochen hatte, sah er auf seine Füße. Julie sprang auf.

»Was?«, rief sie. »Das sagst du mir jetzt einfach so und lässt mich bis eben noch im Glauben, dass da nichts war?«

»Julie, ich bitte dich!« Donnie legte seine Hände auf ihre Schultern. »Ich wollte einfach, dass du nicht weiter nachforschst!«

»Das ist unfassbar!«, echauffierte sich Julie.

»Julie hör mir bitte zu. Diese Erscheinung ist hier seit langem bekannt. Ich verstehe im Grunde auch nicht, wie Iain es verantworten kann, das Pförtnerhaus an Urlauber zu vermieten.«

»Also weiß er auch davon?« Julie musste sich räuspern. Ihr blieb einfach die Sprache weg.

»Jeder hier weiß davon. Und jeder hat das Kind schon mindestens einmal gesehen«, gab Donnie kleinlaut zu.

»Und du wagst es mir ins Gesicht zu sagen, dass, – dass –«, Julie wandte sich wütend ab.

»Ich habe es dir doch jetzt gesagt«, meinte Donnie und versuchte, Julie wieder in seine Arme zu nehmen. Diese aber wandte sich schroff von ihm ab.

»Ich denke schon die ganze Zeit, dass ich verrückt bin! Dass ich wirklich Halluzinationen habe! Und jetzt kommst du und – oh! Ich fasse es nicht!«

Donnie stellte seine Bemühungen ein und lehnte wieder gegen den Pfosten.

»Dann hast du es in der Nacht, in der ich ins Wasser gefallen bin, auch gesehen? Auf dem Steg?« Julie ließ sich schwer in den Gartenstuhl fallen und …

Ende der Leseprobe

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