Über die Ufer getretener Fluss

Annie und Dan verbrachten noch einige Zeit im Verlag. Besonders Richards wollte wissen, wie es denn zu dem Unfall gekommen wäre. Er schien wirklich besorgt um die beiden.

Auf Dans Frage, wie sich Rory denn so machte, antwortete Richards:

»Ganz ehrlich, Dan. Ich glaube nicht, dass er hier alt wird. Ich hatte ihn ganz anders eingeschätzt, als er sich beworben hatte. Aber irgendwie ist er seit ein paar Tagen verstockt und keiner weiß so richtig, an was er gerade arbeitet.«

»Soll ich mit ihm reden?«, schlug Dan vor, was Richards aber abwehrte:

»Nein, Dan. Lass mal. Ich schau mir das noch eine Weile an, dann entscheide ich. Notfalls wird deine Kolumne eben eingestampft.«

»Was schade wäre, John. Gerade die hat deinem Blatt eine Menge Leser gebracht!«

»Ich weiß!«, seufzte John Richards. »Aber was soll ich machen? Du fühlst dich ja an die Uni berufen!« Das klang wie eine Anklage, was Richards auch sofort selbst bemerkte.

»Das soll kein Vorwurf sein, Dan. Sicher nicht, bitte fass es nicht so auf. Ich werde nur im Leben nicht verstehen, wie man mit so einem Stoff an einer Uni arbeiten kann. Ich meine, dozierst du da über Geister? Was lernen die Leute denn da?«

»Nein, ich doziere nicht über Geister!«, lachte Dan. »Es geht mehr um Energieströme. Alles um uns herum ist Energie, und manche Dinge sind eben – anders. Dazu kommt noch der Faktor Mensch und schon haben wir eine Mischung, die vieles möglich macht.«

Annie war dem Gespräch der beiden Männer bislang schweigend gefolgt. Nun aber fragte sie:

»Dann denkst du doch, dass alles Hirngespinste sind, – dieser Mann in der Pension und die Sache mit dem Unfall?«

Dan schüttelte den Kopf.

»Nein, auf keinen Fall. Es gibt eben Menschen, die reagieren auf gewisse Energieströme empfindlicher als andere. So wie du, vielleicht. Das müssen wir noch herausfinden.«

»Apropos«, warf Richards ein. »Ihr wollt eine Woche zusammen verreisen?«

»Jep«, machte Dan, noch ehe Annie antworten konnte. »Nach dem Unfall sollten wir mal etwas ausspannen.«

»Zusammen?« Richards stellte dies offensichtlich eher fest, als dass er es fragte.

»Zusammen!«, antwortete Dan.

»Dann seid ihr also –?«

»Wird das nicht schon lange herumgetuschelt?«, fragte Annie nun.

»Nun ja, Rory hat so etwas verlauten lassen, ja.«

»Dann ist es wohl so.«

Richards sah abwechselnd zu Annie, dann zu Dan.

»Es freut mich für euch«, sagte er dann mit einem väterlichen Grinsen im Gesicht. »Ich habe mich schon lange gefragt, wann es endlich zwischen euch knistert.«

Annie zog fragend die Augenbrauen in die Höhe.

»Ja, dann macht euch fort«, lachte Richards. Annie und Dan gehorchten seinen Worten und verließen das Verlagsgebäude. Sie begaben sich direkt zu einem Reisebüro, um den Flug nach Los Angeles zu buchen. Von dort wollten sie mit einem Mietwagen weiter in diese Kleinstadt fahren.

Wegen des Hochwassers konnten sie nicht sofort oder am folgenden Tag verreisen. So mussten sie sich noch eine Woche gedulden, bis sie fliegen konnten. Annie fühlte sich seltsam aufgeregt. Sie wusste ja nicht einmal, wonach sie suchen sollte. Es war einfach nur der große Wunsch, hinzufahren und sich umzusehen. Während sie noch auf den Abflugtermin wartete, ging sie wie gewohnt zur Arbeit. Es machte ihr nichts aus, dass hinter ihrem Rücken getuschelt wurde. Sie hatte keine Ahnung, welche Geschichten Rory im Verlag verbreitet hatte. Es war ihr aber auch egal, was offensichtlich Rory noch verrückter machte. Einen Tag, bevor Annie und Dan abreisen wollten, schoss er wie ein Pfeil in ihr Büro und warf die Tür zu.

»Was denkst du dir eigentlich?«, giftete Annie sofort los. Rory aber flegelte sich auf den Besucherstuhl und grinste widerwärtig:

»Wie ist er denn so, dein neuer Lover?«

»Das geht dich überhaupt nichts an!«

»Nicht? So? Ich dachte, du und ich, das wäre was Besonderes gewesen?«

»Nicht im Ansatz, und das weißt du auch! Es war nur eine einmalige Sache, die sich leider ein bisschen hinausgezögert hat. Und jetzt geh bitte!«

»Hinausgezögert? Du hast nicht widersprochen, als ich dem alten Murphy sagte, dass du meine Frau wärst!«

»Weil es mir egal war.«

»Aha. Egal also. Ich hatte das Gefühl, dass dir meine Hilfe nicht unangenehm war, als du schreiend und strampelnd aufgewacht bist. Oder war das mit dem Alptraum auch nur Theater?«

»Du weißt ganz genau, was Dan und mir passiert ist. Du warst auch in Scully dabei, als der Fremde eingecheckt und dann nachts wie von Geisterhand die Glocke geläutet hat. Ich habe mir das nicht eingebildet!«

»Habe ich ja auch nicht behauptet! Dann hing dieser Alptraum also mit deinem Unfall zusammen?«

»Möglich, ja, und jetzt verschwinde!«, zischte Annie gefährlich ruhig.

Rory stand auf, indem er sagte:

»Ja die Küstenstraße ist nicht ohne, habe ich ja selbst gemerkt. Verdammt eng, und wenn einem da noch so ein Idiot entgegenkommt, der nicht Platz machen will –«

»Woher weißt du das?«, rief Annie aus und sprang auf. Bislang hatten sie niemandem erzählt, wie der Unfall passiert war. Woher hatte Rory diese Information, wenn er selbst nicht dabei gewesen war? War er tatsächlich der Fahrer des entgegenkommenden Autos gewesen? Er grinste vielsagend, öffnete die Tür und sagte im Hinausgehen:

»Habe ich irgendwo aufgeschnappt.«

Annie glaubte ihm kein Wort. Sie hastete ihm hinterher, warf dabei noch einen Stuhl um, griff ihn am Ärmel und rief:

»Warst du das, der uns von der Straße abgedrängt hat?«

Abrupt wurde es still in dem Großraumbüro, und Annie wurde es ebenso schlagartig bewusst, dass sie einen Fehler gemacht hatte.

»Du bist doch völlig paranoid!!«, giftete Rory und funkelte sie böse an. Annie wünschte sich so sehr, dass sie das nicht ausgesprochen hätte, was sie dachte. Doch jetzt war es raus und eine Menge Ohren hatten es gehört. Es wurde getuschelt.

»Warum sollte ich so etwas tun?«, fragte Rory nun laut und verwandelte das Büro in seine Bühne. Er spielte großartiges Theater, breitete die Arme aus und fragte noch einmal: »Sag mir, warum sollte ich sowas tun? Wegen der einen Nacht, die wir zusammen verbracht haben? Annie Forster, du überschätzt dich ein wenig, findest du nicht auch?«

Annies Gesicht brannte. Am liebsten wäre sie im …

Ende der Leseprobe

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