Geister Schatten im Wald

Mike machte ernst. Schon am nächsten Tag wählte er diese Handynummer, die er von Tina bekommen hatte. Er wunderte sich nicht darüber, dass seine Hände zitterten. Entweder er machte jetzt genau den größten Fehler seines Lebens, oder er kam seinem innigsten Wunsch ein Stück näher, endlich als erster Urbexer ein verlassenes Gebäude zu betreten. Es klingelte eine ganze Weile, ehe sich eine tiefe Stimme nur mit einem knappen „Ja“ meldete.

»Hallo, ich rufe an wegen Tina«, stammelte Mike drauflos. »Ich meine, ich bin der Freund, – nein, ich war der Freund von Tina.« Mike hielt sich mit der freien Hand die Stirn, als könne er damit verhindern, dass noch mehr Mist aus seinem Mund käme.

»Und?«, fragte die Stimme am anderen Ende der Leitung.

»Ich spreche doch mit Jonas?«, hakte Mike vorsichtig nach.

»Das ist richtig!«

»Und Sie kennen Tina, oder?«

»Auch das stimmt. Komm zur Sache, Junge!« Der Mann am anderen Ende wurde ungeduldig.

»Also, Tina gab mir diese Nummer hier und sie sagte, wenn ich bei Ihnen anrufen würde, wüssten Sie schon!«

»Jetzt dämmert es mir. Wegen des Bauernhauses! Stimmt’s?« Mike hörte, wie sich sein Gesprächspartner eine Zigarette anzündete.

»Genau deswegen. Ich würde Sie gerne treffen, wenn es geht«, brabbelte Mike weiter.

»Natürlich geht das. Ich habe Zeit. Habe ohnehin nicht mehr viel zu tun hier. Wer von euch Flegeln hat eigentlich die Scheibe in dem Haus eingeworfen?«

Mike war überrascht. Mit der Frage hatte er nicht gerechnet. Aber er reagierte sofort und sagte, dass Erik das gewesen war.

»Hätt ich mir denken können. Ich hatte extra mit ihm abgemacht, dass der Schlüssel zum Keller unter dem Fußabstreifer liegen würde. Na, wie auch immer. Brauchte wohl noch mehr Theater, als er eh schon veranstaltet hat. Ist ja auch egal jetzt. Wann hast du Zeit?«

»Heute. Morgen. Wann immer es Ihnen passt Herr Jonas.«

»Jonas. Nenn mich Jonas und schon gar nicht Herr. Einfach nur Jonas!«

»Gut, Herr – äh Jonas, dann am liebsten heute noch. Ich sehe zu, dass ich einen fahrbaren Untersatz bekomme. Wir brauchen dann so zwei bis drei Stunden, dann wären wir da. Ist das OK?«

»WIR??«, hörte Mike den Mann spitz fragen.

»Ich gehe niemals alleine los. Ich habe immer meinen Kumpel dabei!«

»Aha. OK. Wenn’s sein muss. Aber nur ihr zwei!«

»Nur wir beide. Versprochen!« Mikes Herz klopfte bis zu den Schläfen.

»Wir treffen uns bei den Häusern. Ich hole euch da ab«, sagte der Mann und die Verbindung war beendet.

Mike senkte die Hand mit dem Telefon im Zeitlupentempo herab. Er fühlte sich eigenartig. Auf der einen Seite war ihm so, als hätte er einen großen Fehler gemacht. Auf der anderen Seite fieberte er dem Treffen mit diesem Jonas entgegen.

Patty merkte ihm das sofort an, als Mike ihn anrief, um ihm mitzuteilen, dass er auf ihn warten solle. Mike lieh sich das Auto seiner Mutter, das ohnehin kaum bewegt wurde und holte Patty ab. Sie sprachen wenig auf der Fahrt zum Filmgelände. Mike glaubte zu wissen, was Patty dachte. Es war überflüssig, jetzt noch über ein Wenn und Aber zu diskutieren. Es sollte gelingen, oder aber auch nicht. Basta.

Mike hielt wieder auf dem Feldweg, auf dem neulich auch Erik den Van geparkt hatte. Er wusste ja nun, dass es nur ein kleines Stück durch den Wald ging, bis man an dem Zaun ankam, der das ehemalige Filmgelände umschloss. Fast blind fand er das Loch im Zaun, durch das sie auch damals hindurchgeschlüpft waren. Wieder standen sie auf der aufgeworfenen Straße und wieder packte Mike so ein eigenartiges Gefühl. Auch wenn das alles eine Filmkulisse war, so sind die Häuser vor Jahren doch bewohnt gewesen. Das war es, was Mike zu fühlen glaubte. Auch Patty stand eine Weile ergriffen da, ehe er sich zu dem ersten Haus hinbewegte.

»Willst du da noch mal rein?«, fragte Mike seinen Kumpel und er konnte nicht verhindern, dass Erstaunen in seiner Stimme mitschwang.

»Klar, du etwa nicht?«, kam die Antwort, bevor Patty die Kellertreppe hinunterstieg. Mike folgte ihm zögerlich.

»Dieser Jonas wird uns schon finden, wenn er überhaupt hier auftaucht«, hörte Mike Patty sagen. Damit lag er vollkommen richtig, so fand Mike. Er ging durch die Kellerräume, die jetzt nicht mehr so abartig rochen wie vor Tagen noch. Auch auf der Treppe nach oben verlor sich der Kellermief vollkommen. Es war alles unberührt geblieben, so wie Mike es in Erinnerung hatte. Man konnte sogar auf der Staubschicht auf dem Küchentisch noch erkennen, dass Erik hier fleißig dekoriert hatte. Die Umrisse der Teller waren noch zu sehen, die Mike später schließlich wieder in die Spüle gestellt hatte. Etwas wie Traurigkeit erfasste ihn, als er daran dachte, mit welchen großen Gefühlen er das alles betrachtet hatte, bevor er wusste, dass er einem Streich zum Opfer gefallen war.

Mike ging in das Wohnzimmer und sein Blick fiel erneut auf die Porzellanfiguren im Wohnzimmerschrank. Er lächelte traurig. Auch die waren wohl eine Fälschung, eine billige Kopie. Er wandte sich abrupt ab und ging einfach auf die Straße zurück. Patty lief ihm verdutzt hinterher. Mikes Weg führte direkt zum zweiten Gebäude. Die Vordertür war nach wie vor verschlossen. Er ging um das Haus herum und fand das Fenster, das Erik seinerzeit eingeworfen hatte, wieder vollkommen intakt vor. Jemand hatte es repariert.

»Warum bloß?«, fragte Mike laut. »Wenn sie doch eh alles hier platt machen wollen, warum repariert man dann noch dieses Fenster?«

Patty antwortete nicht. Er war die Kellertreppen hinuntergestiegen und rüttelte an der Tür. Mike folgte ihm und hob die dicke, verwitterte Fußmatte, die vor der Tür lag, etwas an. Tatsächlich lag ein Schlüssel darunter, mit dem man die Tür problemlos aufsperren konnte. Auch in diesem Kellerraum roch es nicht mehr so erbärmlich wie noch vor Tagen. Der Gestank war fast verflogen. Mike suchte den Raum auf, in dem er Michael vorgefunden hatte. Auch hier war alles verschwunden. Die ominösen Skelette ebenso wie der von Erik aufgebaute Apparat, von dem Mike angenommen hatte, dass es sich hierbei um eine Selbstschussanlage handeln würde. Man hatte gründlich aufgeräumt. Demnach musste Erik also noch einmal hier gewesen sein. Das war Pattys Vermutung, die er seinem Freund gegenüber äußerte.

»Kann auch dieser Wachmann aufgeräumt haben«, meinte Mike.

»Möglich. Vielleicht hast du recht«, ließ Patty vernehmen, ehe er die Stufen nach oben ging. Auch hier war alles wie seinerzeit, als sie zum ersten Mal hier gewesen waren. Patty schoss einige Bilder. Danach gingen sie wieder nach draußen und schlossen die Tür ordentlich ab. Mike legte den Schlüssel wieder unter die Fußmatte. Als er mit Patty die Treppenstufen nach oben ging, empfing sie dort ein hochgewachsener, durchtrainierter Mann. Man konnte sein Alter überhaupt nicht schätzen. Er war muskulös, trug ein eng anliegendes, schwarzes Shirt und Jeans. Sein Haar war zwar grau, jedoch ließ ihn das überhaupt nicht alt wirken. Ganz im Gegenteil. Es war schulterlang, der Mann trug einen akkurat rasierten Bart und auch sein Gesicht mit den kristallblauen Augen ließ keine Einschätzung seines Alters zu. Er verschränkte die Arme vor der Brust und Mike musste neidlos eingestehen, dass der Umfang der Oberarme dieses Fremden wohl dem von Mikes Oberschenkeln entsprach.

»Was tut ihr denn hier?«, fragte der Schrank vor ihnen, der sich so hingestellt hatte, dass er Mike und Patty den Weg versperrte. Wenn das vor ihnen Jonas sein sollte, dann verstand Mike absolut nicht, dass dieser athletische Kerl es nicht schaffen würde …

Ende der Leseprobe

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