Schnee auf dem Gartenzaun

Ich musste eingenickt sein. Als ich erwachte, roch ich frischen Kaffee. Es hatte die Nacht über weitergeschneit. Ich blickte lange durch das Terrassenfenster in den dick verschneiten Garten und brauchte eine Weile, um die Ereignisse der letzten Nacht wieder in mein Gedächtnis zu rufen.

Mit der Wolldecke um meine Schultern tapste ich unsicher in die Küche. Mario kam gerade aus dem Zimmer, in dem der Fremde lag. Er fing meinen fragenden Blick auf und lächelte müde:

»Guten Morgen.«

»Morgen!«, antwortete ich noch recht verschlafen und deutete mit dem Kinn auf die Tür zu meinem Arbeitszimmer, anstatt eine Frage zu stellen. Mario verstand und sagte: »Wir glauben, er hat es geschafft! Es geht ihm etwas besser. Adrian ist bei ihm. Frühstück?«

Ich nickte und folgte Mario in die Küche. Noch ganz benommen wusste ich nicht einmal, ob ich mich über Marios Aussage, dass der Fremde mutmaßlich über den Berg sei, freuen sollte.

»Hast du denn wenigstens ein bisschen geschlafen?«, fragte ich ihn.

»Ein wenig.« Mario stellte Kaffee auf den Tisch. Irgendjemand hatte frische Brötchen geholt und ich verspürte komischerweise einen Mordshunger. Mario trank nur einen Kaffee, während ich kräftig zulangte. Gleich darauf ging ich duschen und fühlte mich danach etwas besser. Ich hatte nun doch Frieden mit mir geschlossen. Ich war inzwischen überzeugt davon, dass der Mann sich nirgends anders hinwenden konnte, als an uns. Wir wussten, woher er kam und er brauchte uns nichts zu erklären, lediglich das, was passiert war.

Ich begab mich nach dem Duschen in das Arbeitszimmer. Adrian saß auf meinem Bürostuhl und las. Der Mann lag noch wie gestern auf der Liege, atmete aber jetzt etwas tiefer und ruhiger. Mario trat hinter mich und legte mir die Hände auf die Schultern.

»Ich fahre nach Hause, hole für uns frische Kleidung und noch Medikamente, die Adrian braucht. Ich bin gleich wieder zurück. Hab bitte keine Angst, er ist viel zu schwach, um dir irgendetwas anzutun.« Nachdem er das gesagt hatte, spürte ich einen sanften Druck seiner Hände und weg war er. Adrian sah mich an und blickte dann wieder auf den Mann.

»Es geht ihm etwas besser«, sagte Adrian leise. Ich nickte nur, sah noch eine Weile auf den leblosen Körper vor mir und wollte aus dem Zimmer gehen, als der Mann leise aufstöhnte und anfing, sich zu bewegen. Zuerst waren es Zuckungen und diese waren auch nur unmerklich wahrzunehmen. Kurz darauf aber sah es so aus, als kämpfte er immer noch. Sein Atem rasselte und er rief unverständliche Worte.

Adrian war sofort auf den Beinen, hielt den Mann an den Schultern fest und redete beruhigend auf ihn ein. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis der Fremde aufhörte, sich gegen Adrians Hände zu wehren. Er lag zunächst weiter heftig atmend und total verkrampft still, ehe er sich mit einem lauten Seufzer entkrampfte, so als würde alles Leben aus ihm entweichen. Es klang wie das Fauchen eines verwundeten Tieres. Daraufhin flatterten seine Augenlider und langsam öffneten sie sich. Zuerst sah er Adrian an, der sich immer noch über ihn beugte. Ich glaubte, ein winziges, schwaches Lächeln um seine Lippen sehen zu können. Danach hörte ich, wie er heiser und kaum hörbar „Durst“ flüsterte. Adrian sah über seine Schulter auffordernd zu mir und ich beeilte mich, in der Küche einen Tee für den Fremden aufzubrühen. Mit der Tasse kam ich in das Zimmer zurück. Adrian saß inzwischen wieder auf dem Stuhl, der Fremde stierte an die Zimmerdecke. Fast dachte ich, er wäre tot. Dann aber wanderte sein Blick im Zeitlupentempo zu mir.

»Angelo«, flüsterte er nun so, dass man es wirklich kaum vernehmen konnte.

»Was?« Ich sah fragend zu Adrian. Der lächelte matt und meinte:

»Engel! Er hat Engel gesagt.«

»Möglicherweise heißt er so?«, mutmaßte ich und konnte den Blick nicht von den klaren, blauen Augen abwenden, die immer noch auf mich gerichtet waren.

Der Fremde schüttelte kaum merklich den Kopf und ich erinnerte mich, dass er in der Nacht, als ich ihm am Schuppen in die Arme gelaufen war, recht gut Deutsch gesprochen hatte.

»Dein Mann, – Angelo«, flüsterte er heiser und stockend.

»Er fiebert«, meinte Adrian erklärend. »Er braucht dringend das Penicillin. Hoffentlich beeilt sich Mario!« …

Ende der Leseprobe

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