Auszug aus Kapitel 10

Ghoromari von Moira Ashly

Ich stand in der Küche und schaute träumend den Schneeflocken zu, wie sie leise auf die Erde schwebten und langsam alles unter einer unschuldig wirkenden, weißen Decke begruben. Den Garten und den verbrannten Rest meines Schuppens. Noch ganz in diese Betrachtung versunken hörte ich ein Klopfen an der Tür und erschrak gewaltig: Ich hatte niemanden kommen sehen! Hatte ich es einfach ganz in Gedanken versunken nicht mitbekommen, dass jemand den Weg zum Haus entlanggegangen war? Die Außenbeleuchtung brannte, also musste irgendwer an der Tür sein. Vom Küchenfenster konnte ich den Weg zum Haus nicht einsehen, wohl aber den Lichtschein der Beleuchtung wahrnehmen. Jetzt bemerkte ich auch, dass Teddy leise knurrte, so wie er es bei Rons letztem Besuch getan hatte.
»Oh, Gott«, dachte ich, »nicht wieder Ron!«
Es klopfte erneut, diesmal etwas gedämpfter. Ich konnte mich nicht bewegen! Ich hatte Angst, zum wiederholten Male eine Konfrontation mit Ron austragen zu müssen. Er musste es einfach sein, wer denn sonst? Dörte rief an, wenn sie vorbeikommen wollte, da ich in den letzten Tagen immer öfter nicht zu Hause war. Ebenso wenig konnten es Adrian oder Mario sein. Teddy würde niemals knurren, wenn einer der beiden vor der Tür gestanden hätte.
Mein Herz klopfte bis in die Ohren. Ich knipste das Licht aus, um ungesehen durch das Seitenfenster im Flur nach draußen spähen zu können. Die Beleuchtung im Hof war inzwischen erloschen und die Nacht lag, trotz der Schneewolken, bleiern schwarz über Hellersmoor. Ich konnte niemanden sehen, doch es klopfte abermals! Beim nächsten, leisen Klopfen sprang ich von der Tür weg, so als würde derjenige, wer da auch immer vor meiner Tür war, jeden Moment durch diese in mein Haus eindringen können. Mein Puls raste und ich hielt mir die Hand vor den Mund, um nicht vor Angst laut zu schreien. In meiner aufsteigenden Panik vergaß ich, dass ich Mario einfach hätte kontaktieren können, um ihn um Hilfe zu bitten. In meinem Kopf war es mindestens genauso dunkel wie draußen vor der Tür!
»Das Telefon!«, wisperte ich und wählte mit zitternden Händen Adrians Nummer. Als er sich meldete, konnte ich kaum einen zusammenhängenden Satz herausbringen: »Da ist jemand. Es klopft immerzu, aber ich sehe nichts!«, flüsterte ich in den Hörer. »Und Teddy knurrt – ich hab Angst!«
»Wir sind sofort da, bleib ganz ruhig!« Adrian legte auf und ich verkroch mich in die hinterste Ecke des Flurs. Es klopfte immer weiter. Die Stille zwischen den Klopfzeichen war greifbar. Ich zitterte vor Angst, lauschte und hörte nichts als immerzu dieses Klopfen. Es gab bislang wenige Situationen, die mir buchstäblich die Nackenhaare sträubten, aber diese war so eine und ich konnte mir nicht erklären, warum!
War ich mir auch zu Anfang noch sicher, es würde Ron sein, so zweifelte ich inzwischen daran. Teddy saß dicht neben mir, hatte die Zähne gefletscht und auch bei ihm konnte ich erkennen, dass sich sein Fell sträubte. Was oder wer war da bloß vor der Tür?
Ich fühlte Bedrohung, wie ich sie zuletzt empfunden hatte, als der Mann aus der Vergangenheit mich und Mario angegriffen hatte. Wieder war es still. Abermals war nur das Ticken der Küchenuhr zu hören, doch dann klopfte es erneut. Diesmal jedoch noch etwas leiser als vorhin. Ich lauschte, ob ich eine Stimme vernehmen könnte, doch da war nichts weiter als ein scheinbar immer schwächer werdendes Klopfen. Schließlich vernahm ich ein Motorengeräusch. Das mussten Adrian und Mario sein!
Ich nahm all meinen Mut zusammen, schlich mich ans Küchenfenster und sah Marios Auto vorfahren. Es klopfte weiter. Gott, was war das nur? Verlor ich den Verstand? Zum wiederholten Male schlich ich in den Flur, um besser sehen zu können. Adrian hatte gerade das Tor passiert und kam in den Hof. Er brach sofort in Hektik aus, schrie etwas in Richtung des Autos, aus dem Mario gerade herausstieg, winkte diesem aufgeregt zu und rannte zu meiner Eingangstür. Mario rannte ebenfalls los. Ich verstand nicht, warum die beiden sich so beeilten, wähnte mich aber unterdessen in Sicherheit und öffnete die Tür. Als ich sie einen Spalt aufgezogen hatte, glitt eine vollkommen blutverschmierte Hand gegen mein Schienbein und ich schrie aus Leibeskräften!
Mario war sofort bei mir und zog mich ausgesprochen unsanft von der Tür weg.
»Was ist das?«, kreischte ich und zitterte wie Espenlaub. Adrian kniete vor irgendwas oder irgendwem im Schnee vor meiner Tür. Da war Blut, vom Eingangstor bis zu meiner Haustür! Im weißen Schnee und der hellen Beleuchtung konnte ich es jetzt erkennen.
Mario zog mich weiter von der Eingangstür weg in die Küche. Er versuchte, mich zu beruhigen und nahm mich in den Arm.
»Ganz ruhig, Jo. Wir sind ja da«, hörte ich ihn, doch ich konnte und wollte mich nicht einkriegen!
»Ist es Ron?« Meine Knie schlotterten und ich war so aufgelöst, dass ich nicht einmal Marios Nähe genießen konnte.
»Nein«, sagte Mario. Ich wusste zunächst nicht, ob ich nachsehen sollte, wer da vor meiner Haustür lag oder ob ich einfach in Ohnmacht fallen wollte. In einer andauernden Schleife fragte ich immerzu, wer oder was da unübersehbar schwer blutend vor meiner Tür lag, gab aber Mario kaum die Chance, darauf zu antworten. Ich verstand nicht, dass mein pausenloses Fragen der Grund war, warum Mario zunächst schwieg. Er kam verbal einfach nicht gegen mich an! Also wollte ich nun doch selbst nachsehen und versuchte, aus Marios Umklammerung zu entwischen. Es kostete mich einiges an Anstrengung, mich aus seinen Armen winden zu wollen, während ich immer und immer wieder die gleiche Frage stellte …