Der neue Gast

Während des Essens schwiegen alle. Eldehar schien mit einem gehörigen Appetit gesegnet zu sein. Angus hingegen aß wie ein Spatz. Er beobachtete den Gast aus den Augenwinkeln und wirkte trotz seiner Worte von vorhin ziemlich angespannt.

Als Sady und Larna den Tisch abgeräumt hatten, ging Sady hinauf, um auch Eileen von den Vorgängen hier unten in der Küche zu erzählen. Larna folgte ihr, um auf Lead aufzupassen. Sie sollte Jamie oder Dennis rufen, wenn Lead aufwachen würde, damit man auch ihm alles berichten konnte.

So saßen also Jamie, Dennis, Angus und Eldehar in der Küche und schwiegen sich an. Angus stand schließlich auf und öffnete eine Flasche Rotwein. Er schenkte die Gläser großzügig ein und verteilte sie. Bei Eldehar hielt er kurz inne, stellte es dann aber doch vor dem Mann auf den Tisch. Der fasste zwar danach, trank aber nicht davon. Auch nicht, als sich die anderen alle zuprosteten.

»Wir warten«, sagte Angus zu Eldehar, nachdem er einen großen Schluck Wein getrunken hatte. Er wischte sich über den Mund und fügte noch hinzu: »Denke einfach nicht darüber nach, dass wir dir womöglich kein Wort glauben werden. Ich meine, ich habe selbst schon so vieles erlebt, was andere für unmöglich hielten. Ich bin gespannt auf deine Geschichte.«

Eldehar drehe das Glas in seinen Händen und betrachtete die blutrote Flüssigkeit darin.

»Ich kann euch schon verstehen«, sagte er schließlich und lehnte sich zurück. »An eurer Stelle ginge es mir sicherlich nicht anders. Doch alles, was ich bisher sagte, ist die Wahrheit. Hákon und ich, wir waren einst sehr gute Freunde. Das ist viele, viele Jahre her. Während er damals den Weg als Krieger und Jäger beschritt, wandte ich mich der Lyrik zu. Nun ja, und auch der Magie.« Er sah auf die Tischplatte, als könnte er alles, was er nun sagte, dort ablesen:

»Hákon hatte einen Blutsfeind. Jemand, der einst seine ganze Sippe richtete, samt Hákons Frau und dessen Kind. Er schwor Blutrache. Doch das war erst einige Jahre später, nachdem wir uns bereits aus den Augen verloren hatten. In der Zeit, als wir noch befreundet waren, wurde unser Lager von einem großen Wolf bedroht. Ein wirklich riesenhaftes Tier. Man dichtete diesem Wolf so einiges an. So auch, dass derjenige, der ihn erlegen und sein Herz essen würde, ewig leben könnte. Es war Hákon, der den Wolf zur Strecke brachte. So glaubte er zumindest. Doch dazu nachher mehr. Einige Zeit, nachdem er dies getan hatte, verließ er das Lager und verschwand. Als ich ihn später wiederfand, folgte sein Blutsfeind meiner Spur und lauerte uns in der Nähe von Hákons Hütte auf. Es war ein ungleicher Kampf, doch im Sterben gestand mir mein Freund, dass er das getan hatte, was nur dem Bezwinger über Ulfinn zustand. Er hatte ein Stück seines Herzens gegessen.«

Jamie würgte:

»Igitt!«

Eldehar ließ sich nicht beirren und fuhr fort:

»Wir wussten alle nicht, ob das stimmte, was man Ulfinn nachsagte. Keiner konnte es beweisen. Niemand erfuhr jemals davon, dass ich Hákon geholfen hatte, den Wolf zu erlegen. Nicht mal er hat es gemerkt. Als er von dem riesenhaften Herz gegessen hatte, ließ er den Rest einfach liegen. Da trennte ich mir heimlich ein Stück von diesem Muskel ab und nahm es mit. Für mich. Was soll ich sagen, es wirkte. Wir starben beide an jenem Tag vor Hákons Hütte und fanden uns noch am selben Tag dort wieder, nachdem Bjarne und seine Männer alles niedergebrannt und den Ort verlassen hatten. Wir standen neben unseren toten Körpern und waren doch so lebendig.« Eldehars Blick verlor sich. Er war in Gedanken versunken.

»Krasser Scheiß!«, rutschte es Dennis heraus. »Das glaubt dir in der Tat kein Schwein!«

»Wir können nicht sterben. Hákon und ich sind durch einen Schwur, den ich auf das Herz des großen Grauen gemacht habe, unabänderlich miteinander verbunden. Bis zu dem Tag, an dem ich Hákon mit den magischen Klingen töten kann.«

»Das erklärt zwar deine Existenz. Aber er?« Angus sah Eldehar auffordernd an. »Was ist mit ihm? Weiß er das alles?«

»Wenn er den Erzählungen aufmerksam genug gelauscht hat, dann ja. Es ist so, dass auch er geschworen hat. Das weiß ich ganz sicher, denn ich war dabei. Obwohl das viele Jahre vor unserem gemeinsamen Neubeginn war. Seinerzeit dachte ich mir nichts dabei, als ich ihn währenddessen beobachtete. Er schwor beim Blut des Ulfinn, dass er jeden Menschen, der jemals ihm oder seinen Angehörigen ein Leid antun würde, bis in alle Ewigkeit verfolgen und richten wolle. So auch dessen Nachkommen, bis die ganze Blutlinie ausgelöscht wäre. Er tötete bislang jeden ihm bekannten Nachfahren Bjarnes und er wird es weiter tun, bis dessen Brut komplett ausradiert ist. In allen Teilen der Welt. Scheinbar gibt es auch hier jemanden, der aus dieser Blutlinie stammt.« Eldehar schaute sich um und meinte: »Hákon sucht noch. Schon seit Jahren. Er hat nur eine Spur, nicht mehr. Er sucht bereits mehrere Jahre immer wieder hier nach diesem Menschen, dem Nachfahren aus Bjarnes Sippe.«

»Hast du einen Urahnen der Bjarne hieß«, alberte Jamie in Dennis Richtung.

»Nicht, dass ich wüsste«, gab der grinsend zurück.

»Und doch ist es offenbar so. Einer von euch ist es, in dessen Adern möglicherweise Bjarnes Blut fließt.« Eldehar sprach ruhig und gefasst.

»Ich komme mir fast vor wie bei „Van Helsing“, oder so«, kicherte Jamie. »Das ist alles so unglaublich! Energietore und Untote! Wer kann denn so etwas wirklich glauben?«

»Ich«, vernahm man Angus plötzlich. Alle Augen richteten sich auf ihn. »Ich glaube, dass er die Wahrheit spricht!«

»Hör auf!«, unkte Jamie und sah Angus lange in die Augen. Der hielt seinem Blick jedoch stand. Dann sagte er:

»Ich habe euch vom inneren Zirkel erzählt. Nun ja, das, was ich erzählen darf. Diesen Kreis gibt es schon seit Jahren. Ach, was sag ich, seit Jahrhunderten. Wenn ich über alles so nachdenke, was ich selbst erlebt habe und was mein Vater und auch mein Großvater mir mit auf den Weg gaben, dann spricht er die Wahrheit.«

»Und was war das? Dass irgendwann ein Geisterjäger hier auftaucht?« Jamie grinste, nachdem er das mit einem spottenden Unterton in der Stimme gesagt hatte.

»Er ist kein Geist!«, widersprach Eldehar und Angus bestätigte:

»Das stimmt. Er ist kein Geist. Er ist genauso lebendig wie unser Freund hier.«

»Und ihr könnt ihn mit den euch zu Verfügung stehenden Mitteln nicht töten. Wenn ich ihn nicht erlöse, wird er bis in alle Ewigkeit weiterleben! Das wünscht man doch niemandem und schon gar nicht seinem Freund«, ergänzte Eldehar matt.

»Nehmen wir mal an, dass du die Wahrheit erzählt hast. Ich sehe an deinen Handgelenken blutende Male von der Schnur, mit der dich Angus vorhin gefesselt hat«, warf Dennis nun ein.

»Das wird mich nicht umbringen«, lächelte Eldehar.

»Schon klar, aber du blutest.«

Eldehar reichte Dennis ein Brotmesser, das noch auf dem Tisch lag.

»Stoß es mir ins Herz. Ich werde sterben und kurz danach wieder höchst lebendig neben meinem toten Körper stehen«, sagte er dabei.

»Bin doch nicht verrückt!«, schimpfte Dennis und warf das Messer auf den Tisch.

»Wir müssen das auch nicht bewiesen haben, denn ich weiß, dass es so ist. Ich wundere mich nur, warum ihr ausgerechnet hier auftaucht?«, fragte Angus.

»Hat er doch gesagt«, antwortete Jamie anstelle von Eldehar. »Einer von uns hängt mit drin.«

»Einer von euch oder einer der Gäste, die ihr beherbergt«, ergänzte Eldehar.

»Nun gut. Chris hast du ja schon getroffen. Im wahrsten Sinne des Wortes«, begann Dennis. »Lead? Kennst du Lead? Oder anders gefragt, kannst du eventuell auch erfühlen, wer von uns es sein könnte?«

»Nein!«

»Das ist nun wirklich doof!«, mäkelte Dennis und man sah ihm an, dass er am liebsten laut losgelacht hätte.

»Hákon wird auftauchen und er wird versuchen, die Person umzubringen. Alles was wir tun müssen, ist abwarten«, sagte Eldehar.

»Na bestens! Und dann?«

»Gebt mir die Klingen zurück.«

Nach einer gefühlten Ewigkeit stand Angus auf und reichte Eldehar das Messer, das sie ihm vorhin abgenommen hatten. Aus einer Schatulle nahm er die zweite Klinge heraus und sah sie lange an.

»Was bedeuten die Symbole darauf?«, fragte er, indem er es an Eldehar übergab. Er ignorierte dabei den Protestausruf von Jamie.

»Es sind magische Zeichen«, sagte Eldehar und hielt nun beide Messer in den Händen.

»Und die bringen den Wolfsmann um? Dann gib mir die Dinger und ich erledige das!«, hörte man plötzlich Lead von der Tür her sprechen. Offenbar lauschte er …

Ende der Leseprobe

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